Was es in Deutschland bedeuten kann, wenn man krank ist oder ein Trauma bewältigen möchte – Beispiele aus meiner Familie

Es gibt vieles was einem sehr wichtig sein kann, dazu können Gesundheit, finanzielle Sicherheit und Unabhängigkeit als Beispiele gehören, doch für mich ist meine Familie und dass es meinen Familienmitgliedern gut geht das was mir am Wichtigsten ist!

Zu sehen, dass es jemandem, der zu meiner Familie gehört, nicht gut geht, weil er/sie etwas zu verarbeiten hat oder krank ist, ist schlimm genug, aber dann festzustellen, dass demjenigen/derjenigen nicht oder nicht ausreichend geholfen wird, ist noch mal viel schlimmer! Dies bezieht sich jedoch nicht nur auf medizinische Hilfe, sondern auch auf Beratung und Hilfestellungen.Bei meinem Schwiegervater beispielsweise ist Parkinson diagnostiziert und es wird eine beginnende Demenz vermutet. Meine Schwiegermutter pflegt ihn und es wird für ihn Pflegegeld der Stufe 1 gezahlt. Was diese Krankheiten jedoch im Alltag für sie bedeuten und was ihr dadurch alles zusteht, wurde ihr von keiner Seite erklärt. Den Umgang mit Parkinson hat sie sich nach und nach beigebracht und mit der Demenz muss sie lernen zu leben, doch wie schwer das sein kann, wo sie Hilfe, Beratung oder einen Austausch mit anderen Betroffenen bekommen kann, weiß sie nicht. Sie ist einem Alter, in dem sie nicht mehr in der Lage ist, sich solche Informationen selbst zu suchen, möchte ihre Kinder aber nicht zu sehr einbinden, weshalb sie versucht die alltäglichen Folgen im Laufe der Zeit kennen zu lernen.

Wir versuchen ihr so gut es uns möglich ist zu helfen, aber hätte sie keine Kinder oder andere Verwandte, wäre sie völlig auf sich gestellt.

Auch meine Oma kann zur Zeit mehr als froh sein, dass sie Hilfe durch ihre Verwandschaft hat, denn sie musste am Fuß operiert werden, trägt zur Zeit einen Gips und benötigt dadurch Krücken und einen Rollator. Der Rollator, den sie von einem Sanitätshaus geliefert bekommen sollte, war jedoch am Tag ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus noch nicht fertig, was mich schon sehr schockiert hat, da genug Zeit vorhanden war. Das Krankenhaus hat ihr nun einen Rollator geliehen. Was mich jedoch noch mehr verärgert hat, war, dass ihr von der zuständigen Krankenkasse mitgeteilt wurde, dass sie keinen rechtlichen Anspruch auf eine Haushaltshilfe habe. Die Begründung: Sie habe keine Kinder, sie noch von ihr versorgt werden müssten. Sie hat aber dennoch einen Haushalt, der in Ordnung gehalten werden muss und sie kann ncht richtig laufen! Außerdem muss sie essen und dafür auch einmal täglich kochen, aber das scheint die Herren und Damen, die bei der Krankenkasse tätig sind nicht zu interessieren!!!Da Sie jedoch schon darauf vorbereitet war, hatte sie bereits einiges vorgekocht, bevor sie ins Krankenhaus musste und meine Eltern, meine Schwester und wir gehen (bzw. fahren) regelmäßig zu ihr, um sie zu besuchen, damit sie nicht den ganzen Tag alleine zu Hause verbringen muss und essen dann auch öfter mit ihr zusammen. Sie möchte auch nicht, dass wir einen Widerspruch in ihrem Namen verfassen, da sie ein Mensch ist, der das was man ihr sagt, so hinnimmt.

Sie ist sehr tapfer und macht trotz ihrer Einschränkung noch ein paar Dinge völlig ohne unsere Hilfe, doch es macht mich auch wütend, wenn einer älteren Frau, die so viel erlebt und so viel durchgemacht hat, die ehrenamtlich arbeitet und damit auch dem Staat hilft, mitgeteilt wird sie habe kein Anrecht auf Hilfe! Man hätte ihr auch sagen können sie müssen sehen wie sie zurecht kommen. Das wäre genauso „freundlich“ gewesen!

Doch auch zu meinen Eltern ist man sehr „nett und freundlich“:

Mein Vater hat eine seltene Herzerkrankung und Athrose im Handgelenk. Aus medizinischer Sicht dürfte er nicht mehr arbeiten, doch was wäre die Alternative? Rente kann er noch nicht beziehen und nur vom Staat möchte er auch nicht abhängig sein, also geht er weiterhin arbeiten und gefährdet damit weiter seine Gesundheit. Uns bleibt nur übrig dabei zuzusehen und zu hoffen, dass es sein Körper noch lange aushält! Und meine Mutter soll nach Ansichten des Staates zwar vermutlich arbeiten gehen, hat aber einen achtfachen Bandscheibenvorfall, Asthma und eine Thrombozytophenie (umgangssprachlich sie ist Bluter). Sie kann also kaum einer Beschäftigung nachgehen, weshalb sie einen Rentenantrag gestellt hat, der „freundlich“ abgelehnt wurde. Auch hat sie sich arbeitssuchend gemeldet, da sie arbeiten möchte (schon alleine damit die finanielle Situation eine bessere wäre), bekommt aber keine staatlichen Gelder, da mein Vater „zu viel“ verdient und man schickt ihr auch keine Stellenangebote zu – sie leidet also in mehrfacher Hinsicht genau wie mein Vater, der ihr nicht helfen kann. Da stellt sich mir dann die Frage: Wo ist der Sozielstaat, der Deutschland doch sein will? Ich kann ihn nicht erkennen!

Doch genau wie ich keinen Sozialstaat erkennen kann, handelt es sich in Deutschland auch nicht um ein Gesundheitssystem, dass darauf bedacht ist die Gesundheit zu fördern, zu stärken und schellst möglich, wenn jemand Beschwerden hat wiederherzustellen, sondern wichtig ist dann erst mal die Bürokratie. Dies habe ich zuletzt wieder feststellen müssen, als mein Mann kurz vor einem Burnout stand und sich bei ihm schon mobbingbedingte Symptome einer Depression zeigten. Er ging zum Arzt und schilderte seine Gemütslage (er war nur noch angespant, gerezt, lustlos, müde,…) und erhielt dort eine Arbeitsunfähigskeitsbescheinigung und später auch eine Bescheinigung, dass er dringend den Arbeitsplatz wechseln solle, sowie eine Überweisung zum Nervenarzt. Er rief dort an, um einen Termin auszumachen und man sagte ihm er könne einen Termin in einem halben Jahr ausmachen! Ich war sprach- und fassungsos! Wie kann man das zu einem Patienten mit depressiven Tendenzen sagen? Am besten warten bis aus den depressiven Tendenzen suizidale werden oder wie? Da er aber eine zeitnahe Lösung brauchte bzw. eine zeitnahe Möglichkeit sich etwas Streß zu ersparen, kündigte er krankheitsbedingt, bekam bei der Agentur für Arbeit dann erst mal gesagt er müsse sich zur Arbeitlosigkeitsmeldung erst mal wieder gesund schreiben lassen, was er auch tat und „durfte“ dann bei zwei verschiedenen staatlichen Behörden mehrfach erläutern, wieso er gekündigt habe und sich Vorwürfe deswegen anhören (auch aus seinem privaten Umfeld!) Die daraus resultierende Ruhe hielt dann auch nicht lange an, denn seither bekommen wir immer wieder unangenehme Post, er wird immer wieder von verschiedenen Seiten dazu gedrängt sich eine neue Arbeitsstelle zu suchen, obwohl er eigentlich mal seine Ruhe und einen Therapieplatz bräuchte, den er immer noch nicht in Ausicht hat, und zudem ist seit der Kündgung auch noch ein Rechtsstreit anhängig. Er hat nun zeitweise mehr Streß, als würde er arbeiten gehen. Und da spricht man dann von einem Gesundheitsstaat??? Wohl kaum!

Besonders aufgefallen ist uns die mangelnde Beratung bei unserem Sohn. Wir merkten nach ungefähr einem Jahr, dass er nicht altersgemäß entwickelt ist, wurden von unserem damaligen Kinderarzt aber immer wieder beruhigt, der der Ansicht war „das kommt noch“. Mitte lezten Jahres wurde uns dann verdeutlicht, dass das nicht einfach so „noch kommt“, sondern er eine Therapie braucht, da er autistische Züge zeigte und entwicklungsverzögert ist. Wir wandten uns dann an unsere neue Kinderärztin, die uns eine Frühförderstelle empfahl und uns riet eine Autismusdiagnose anstellen zu lassen, was wir dann auch taten. Welche alltäglichen Auswirkungen sein Autismus haben könnte wurde uns jedoch nicht mitgeteilt! Auch in der Einrichtung , in der man unseren Sohn diagnostizierte wurden uns nur allgemeine Definitionen und mögliche Anzeichen genannt. Es wurde uns lediglich ein Buch empfohlen und das sollte dann eine Beratung sein? Deutlich mehr beraten wurden wir in der Frühförderstelle, wo man uns sagte, dass wir Pflegegeld beantragen könnten, sowie einen Behindertenausweis und uns Literatur zum Autismus anbot. Viele andere Dinge erfuhren wir durch den Austausch mit anderen Betroffenen im Internet und von der Gutachterin für das Pflegegeld, die uns mitteilte, dass wir zum dritten Lebensjahr einen Höhertufungsantrag stellen könnten, Windelgeld beantragen sollten und dafür gesorgt hat, dass wir für unseren Sonnenschein ein Pflegebett bekommen haben. Aus dem Internt – besonders aus einer ganz tollen Gruppen mit sooo warmherzigen Mamas und Papas (die ich mittlerweile sehr ins Herz geschlossen habe) erfuhren wir noch einiges mehr. So zum Beispiel, dass wir Verhinderungspflege und zusätzliche Betreuungsleistungen beantragen könnten und von einer ganz lieben Reittherapeutin, dass eine unter Umständen eine Reittherapie von der Krankenkasse übernommen werden könnte. Hätten wir aber nicht eine so liebe Gruppe gefunden, keinen Kontakt zu einer Reittherapeutin und nicht eine so engagierte Heilpädagogin, wüssten wir vieles immer noch nicht. Und eher zufällig haben wir dann noch rausgefunden, dass man bei den Steuern eine Pflege- und eine Behindertenpauschale geltend machen kann. Auch viele Fördermöglichkeiten würden wir immer noch nicht kennen und das wo doch auch die Beratung zu Berufen wie Arzt, Psychologe oder Mitarbeiter der Krankenkasse gehört, doch das scheinen einge Menschen vergessen zu haben! Dadurch gibt es so viele Betroffene, die gar nicht ihre Rechte kennen!

Durch seinen Autismus ist es bei unserem Spatz aber auch so, dass er sehr geräuschempfindlich ist: wir wohnen aber in einem sehr hellhörigen Haus mit Nachbarn, die (nett ausgedrückt) etwas lauter sind. Also haben wir uns dann mal informiert was unsere Möglichkeiten sind, um diese Situation zu verbessern:

Wir können uns immer wieder beim Vermieter beschweren und wenn dieser nicht reagiert die Miete mindern, was aber keinen Erfolg hat (nicht bei unserem Vermieter). Oder wir könnten auf Unterlassung klagen, was sich aber über Monate hinziehen kann. Ene weiter Möglichkeit wäre es die Laustärke der Nachbarn weitestgehend zu ignorieren und zu hoffen, dass sich unser Sohn daran gewöhnt, was aber für uns keine Alternative darstellt oder wir können eine neue Wohnung suchen, müssen dann aber Kaution und Umzugskosten als Darlehen vom Staat beantragen, dieses dann in Kleinstraten manotlich zurück zahlen und uns trotzdem an die Kündiigungsfrist halten. Und das ist nur ein Beispiel von sehr vielen wieso es mir mehr als schwer fällt Deutschland als Rechtsstaat zu betrachten.

Erschreckend finde ich es aber ganz besonders, dass jemand der nicht arbeiten gehen kann, jemand der eine psychische Belastung oder ein Trauma zu verarbeiten hat oder krank ist zum Mensch zweiter Klasse wird und bei allem was er/sie benötigt regelrecht betteln muss, aber das bedeutet es wenn man in Deutschland ernsthaft krank wird oder einer Therapie bedarf!

Armes Deutschland!!!

© S. Stolzenberg

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Published in: on 10. März 2012 at 00:25  Schreibe einen Kommentar  

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