Warum viele Missbrauchsopfer nicht mit ihren Eltern über den Missbrauch sprechen:

Einleitung: In diesem Blog werde ich zwar auch ein paar Definitionen liefern, ansonsten handelt es sich jedoch in diesem Blog nur um meine Meinung zu diesem Thema. Ich selbst bin als Kind missbraucht worden, worauf ich noch in einem anderen Blog eingehen werde und schildere somit auch zum Teil meine eigenen Erfahrungen.

Um jedoch etwas differenzierter darauf eingehen zu können, werde ich jeweils erst eine Definition zu einer Missbrauchsart liefern und dann darauf eingehen, wieso ich der Ansicht bin, dass viele Opfer auch nach Jahren nicht mit ihren Eltern darüber sprechen.

Es gibt vier verschiedene Missbrauchsarten, wovon ich in diesem Blog jedoch „nur“ auf die drei bekanntesten und häufigsten eingehen werde. Beginnend mit dem psychischen Missbrauch:

Dazu gehören die feindselige Ablehnung (z.B. Demütigen), das Ausnutzen und Korrumpieren (z.B. Kind wird zu einem selbstzerstörerischen oder strafbaren Verhalten angehalten oder gezwungen), das Terrorisieren (z.B. Kind wird durch ständige Drohung in einem Zustand der Angst gehalten), das Isolieren und die Verweigerung emotionaler Responsivität (z.B. Signale des Kindes und seine Bedürfnisse nach emotionaler Zuwendung werden anhaltend und in ausgeprägter Form übersehen und nicht beantwortet).

Quelle hierzu: http://db.dji.de/asd/F004_Kindler_lv.pdf

Dies geschieht meist unbewusst durch Aussagen wie „Wie dumm kann man eigentlich sein?“, hinterlassen aber doch auch ihre Spuren.

Hier wird sich ein Kind nicht an die Eltern wenden, wenn es sich um Familienangehörige handelt, die Täter sind, da es vielleicht gar nicht registriert, dass es sich dabei um einen Missbrauch handelt oder weil es sich vielleicht auch fragt, ob der Täter/die Täterin mit dieser Aussage Recht haben könnte. Hinzu kommt, dass es häufig in Familien, in denen dies geschieht Normalität ist und somit gar keine Reaktion der Eltern zu erwarten wäre.

Ebenfalls zugehörig zu dieser Form des Missbrauchs ist aber auch das Mobbing, bei dem es sich jedoch meist um eine Gruppe von Tätern/Täterinnen handelt. Hier könnte es sein, dass das Opfer nicht mit den Eltern spricht, weil es Angst hat noch stärker gemobbt zu werden, wenn es sich Hilfe sucht oder sein Selbstwertgefühl hat schon so sehr gelitten, dass es schon zu einer Art Normalität geworden ist und das Opfer sich damit abgefunden hat.

2) Der physische Missbrauch. Dazu gehören Schlagen, Würgen, Ohrfeigen, jemandem Verbrennungen zufügen, Schuppsen, Waffengebrauch, jemandem. körperlich Einschränken, jemanden wissentlich an der Befriedigung der Grundbedürfnisse hindern. Quelle hierzu: http://www.borderline-selbsthilfe.de/Index/Informatives/Missbrauch/missbrauch.html

Hier kann es auch Teil des Mobbings sein. Gründe weshalb das Kind sich nicht an die Eltern wenden könnte, habe ich bereits erwähnt und gehe daher nicht erneut darauf ein. Meist sind es hier jedoch Familienangehörige, die das Kind beaufsichtigen sollen, die Täter/in sind. Hier wird die Angst eine große Rolle spielen sich nicht den Eltern anzuvertrauen, insbesondere die Angst nicht ernst genommen zu werden. In den meisten Fällen sind es aber sogar de Eltern selbst, die wegen Überforderung oder weil ihnen die „Nerven durchgehen“  zu Tätern werden. Hier wird das Kind durch die verbalen Angriffe so eingeschüchtert sein, dass es sich nicht trauen wird seinen Eltern zu sagen, dass sie es misshandelt haben.

3) Der sexuelle Missbrauch. Sexueller Missbrauch bedeutet, dass ein Erwachsener oder Jugendlicher seine Machtposition, seine körperliche und geistige Überlegenheit sowie die Unwissenheit, das Vertrauen oder die Abhängigkeit eines Mädchens oder Jungen zur Befriedigung der eigenen sexuellen Bedürfnisse benutzt und gleichzeitig mit der Verpflichtung zur Geheimhaltung das Kind zu Sprach- und Hilflosigkeit verurteilt.

Sexuellen Missbrauch übt aus, wer:

  • ein Kind zur eigenen sexuellen Erregung anfasst oder sich berühren lässt
  • ein Kind zwingt oder überredet, sie/ihn nackt zu betrachten oder bei sexuellen Aktivitäten zuzusehen
  • Kinder für pornographische Zwecke benutzt oder ihnen Pornographie zeigt.
  • Kinder oder Jugendliche in Chaträumen belästigt, sie auffordert sexuelle Handlungen an sich vorzunehmen oder ihnen pornografische Fotos per Mail schickt, macht sich ebenfalls strafbar
  • mit dem Handy sexuelle Handlungen filmt oder versendet
  • die Intimbereiche eines Kindes berührt und es zu oralem, analem, vaginalen Geschlechtsverkehr oder anderen sexuellen Praktiken zwingt oder überredet

Quelle hierzu: http://www.facebook.com/groups/220928501285729/doc/258470557531523/

Allgemein ist hier so, dass sich die meisten Opfer schämen für das was ihnen wiederfahren ist, sich selbst vielleicht auch eine Teilschuld oder sogar die völlige Schuld geben, den Missbrauch möglicherweise (zum Beispiel altersbedingt) nicht realisieren oder versuchen zu verdrängen was ihnen wiederfahren ist. Bei vielen Opfern ist es jedoch auch so, dass sie selbst nach jahrelanger Therapie nicht in der Lage sind über den Missbrauch zu sprechen.

Es muss jedoch auch zu dieser Form des Missbrauchs gesagt werden, dass 90% der Täter aus dem familiären Umfeld kommen. Hier sind emotionale Erpressung und die Widersprüchlichkeit der Gefühle dem Täter/der Täterin gegenüber meist schon ausreichend stark, dass sich das Opfer nicht an die Eltern wendet. Ist es auch noch ein sehr naher Verwandter wie der Onkel, die Tante oder in meinem Fall der Opa, so kommt dann auch noch hinzu, dass das Opfer seine Eltern vor der Erkenntnis, dass der Täter/die Täterin ein naher Verwandter ist beschützen will. Das Kind meint dann seinen Eltern diesen Schmerz und diese Wut, die eine solche Erkenntnis mit sich bringen nicht zumuten zu können und schweigt deshalb über das Geschehene. Umso stärker die Bindung des Kindes zu seinen Eltern ist, desto wahrscheinlicher ist ein solches Verhalten des Kindes, da es seine Eltern nicht traurig, verletzt, wütend,… sehen möchte, sondern glücklich und zufrieden! Zudem kann es auch sein, dass das Opfer sich vielleicht einredet, dass das Verhalten des Täters zwar vom Opfer nicht gewollt, aber dennoch normal und somit hinzunehmen sei. Dies ist jedoch altersabhängig.

Weiterhin ist allen Missbrauchsarten eines gemein:  Jeder Missbrauch ist für den Betroffenen/die Betroffene ein Trauma (Ein traumatisches Erlebnis ist ein Einschnitt ins Leben, der das nachhaltige Leben völlig und negativ verändert. Es wirft den Betroffenen völlig aus der Bahn und ist mit den vorherigen Lebenserfahrungen nicht vereinbar. Das Gehirn, in diesem Fall der Bewältigungsmechanismus ist der Aufgabe nicht gewachsen und gibt ab.) des Typs B:

Langanhaltende oder auch immer wieder kehrende Erlebnisse, die das gewohnte Leben völlig aus der Bahn werfen und das dauerhaft, auch wenn für Menschen nicht immer einsehbar, wie zum Beispiel Mobbing in der Schule, Umzug in ein anderes Gebiet, sexueller/seelischer oder körperlicher Missbrauch, Trennung (nennt man im Fachbegriff man-made), Unfälle, Kriege, Naturkatastrophen, Krankheiten oder auch der Verlust eines geliebten Menschen.

Quelle: http://www.facebook.com/groups/154786014610333/doc/175386435883624/

Das bedeutet also, dass das Opfer erst mal gar nicht verarbeiten kann, dass es Opfer eines Missbrauchs geworden ist. Wie also sollte es sich dann an seine Eltern wenden?

Also liebe Eltern: Ihr könnt Eure Kinder noch so sehr dazu ermutigen mit allem was sie beschäftigt zu Euch zu kommen, um darüber reden zu können, doch über einen Missbrauch werden Eure Kinder mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht direkt zu Euch kommen!!! Ihr könnt aber präventiv (also vorbeugend) Eure Kinder dazu erziehen selbstbewusst zu sein, nein zu sagen, wenn sie etwas nicht wollen und sich bei dem Gefühl dass etwas nicht stimmt in eine helle Umgebung mit vielen Menschen zu begeben!!!

Sollte es jedoch schon zu einem Missbrauch gekommen sein und Eure Kinder wenden sich nicht an Euch, kann es mögliche Anzeichen geben:

Verbale Signale: Ein Kind erzählt oder macht Andeutungen gegenüber einer Person, zu der es großes Vertrauen hat (z.B. Mutter, Verwandtschaft, Lehrerin etc.). Oft sind diese Andeutungen recht zaghaft, da das Kind sich selbst nicht sicher ist, was da mit ihm passiert ist. Die Kinder haben natürlich auch oft Formulierungsschwierigkeiten wenn sie über das Erlebte sprechen wollen. In der Folge hängt es dann von der Vertrauensperson ab, ob der Missbrauch aufgedeckt wird bzw. beendet werden kann (vgl. BM f. Umwelt, Jugend und Familie 1993, S. 49ff).

Averbale Signale: Sollte das Kind bei den Versuchen, sich Gehör für das Problem zu schaffen, scheitern, wird es Signale setzen, die auf den Missbrauch aufmerksam machen sollen. Solche Signale sind Verhaltensänderungen und Verhaltensweisen, die den Menschen in der Umgebung meistens auch auffallen. Dies ist nun jener Punkt, wo die Verantwortlichkeit aller einsetzt, die mit dem Kind zu tun haben (z.B. Verwandte, Bekannte, Kindergärtnerinnen, Lehrer/innen, Sozialarbeiter/innen etc.). Einige Signale sind z.B. Schulschwierigkeiten, Verbesserung der Schulleistungen um zu kompensieren, Erzählungen von unwahrscheinlichen Geschichten über zu Hause, Selbstzerstörung wie Nägelkauen, sich hässlich machen, Selbstmordversuche, Bettnässen, Waschzwang, den Körper nicht herzeigen wollen, Ausreißen von zu Hause, Essprobleme etc. (vgl. BM f. Umwelt, Jugend und Familie 1993, S. 52 f). Quelle: http://www.facebook.com/groups/220928501285729/doc/260317507346828/

Siehe hierzu auch: https://sabrinastolzenberg.wordpress.com/2012/02/25/%E2%80%9Ebleiben-missbrauchsopfer-ihr-leben-lang-opfer-oder-%E2%80%9Ewieso-aufklarung-so-wichtig-ist/

© S. Stolzenberg

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4 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Liebe Sabrina,

    vielen Dank für Deine sehr offenen Worte. Ich finde mich darin wieder…Leider 😦
    Du hast noch von einer 4. Form des Missbrauchs gesprochen.
    Welche ist das?

    Ganz liebe Grüße

    Sylvia

  2. Reblogged this on Ute-snowcat und kommentierte:
    Warum viele Missbrauchsopfer nicht mit ihren Eltern über den Missbrauch sprechen:

  3. Ja, es ist sehr schwer herauszufinden! Das ist hier wirklich gut beschrieben. So etwas ist enorm schwer zu erkennen. Hier ist noch so ein Fall:
    https://tforceblog.wordpress.com/2016/02/20/franz-de-byl-alkoholexzesse-gewaltattacken-missbrauch-etwa-auch-von-kindern/


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