Wie ich damit zurecht komme eine Überlebende zu sein:

Eingehend möchte ich darauf hinweisen, dass dieser Blog andere Überlebende triggern könnte (eine Definition zu diesem Begriff reiche ich für alle anderen in einem späteren Abschnitt des Blogs nach).

Ich möchte eingehen erst mal meine Geschichte so sachlich es mir möglich ist aufschreiben, wobei ich dies natürlich nicht allzu detailiert tun werde.

Ich war als Kind immer gerne bei meinen Großeltern und habe dort auch des Öfteren übernachtet. Lange Zeit war dies immer sehr schön für mich und ich habe mich sehr darauf gefreut, doch das blieb nicht so. Eines nachts, als ich zur Grundschule ging, änderte sich dies schlagartig, als mein Großvater mich zu sexuellen Handlungen zwang und dies dann auch immer öfter tat. Ich fragte mich immer öfter, ob das „normal“ sei und vielleicht alle „Opas“ auf diese Weise zeigten, dass sie ihre Enkel lieb hätten und ich war mir auch nicht sicher wie meine Eltern reagieren würden. Vor allem wollte ich sie aber nicht verletzen. Ich hatte sehr widersprüchliche Gefühle diesem Mann gegenüber, da ich ihn ja einerseits sehr lieb hatte, weil er mein „Opa“ war und andererseits verabscheute ich ihn für das was er mit mir tat. Er erpresste mich jedoch auch, so dass ich das Gefühl bekam mit niemanden darüber reden zu dürfen. Ich teilte meinen Eltern nur nach einigen Jahren mit, dass ich nicht mehr bei meinen Großeltern übernachten wolle, ertrug den Missbrauch bei anderen Gelegenheiten, die sich diesem Menschen boten, aber weiterhin um jemanden vor solchen Übergriffen zu schützen, der weit jünger war, als ich, den ich hier aber nicht näher beschreibe möchte. Es vergingen viele Jahre, bis meine Eltern eher zufällig erfuhren, was mein Großvater für ein Mensch war, da ich mich in einem Brief einem Freund mitteilte, dessen Eltern sehr beherzt reagierten. Andernfalls hätten meine Eltern vermutlich bis heute nichts davon erfahren. Ich hätte zwar eine Therapie machen können, lehnte diese aber ab, da ich den Eindruck hatte sie würde mir nicht helfen. Die Therapeutin bot mir an, dass ich mich jederzeit an sie wenden könnte, was ich aber nie tat und sagte mir es sei sehr wichtig, dass ich einen Weg fände mit dem Missbrauch umzugehen. Noch heute gibt es Orte, Gerüche und auch Worte, die in einem bestimmten Zusammenhang benutzt die Gefühle, die ich zur Zeit des Missbrauchs empfand wieder aufleben lassen, doch ich kann dann damit umgehen. Dies sind so genannte Flashbacks. Trigger habe ich rückblickend auch vereinzelt bei mir festgestellt, also dass ich auf eine bestimmte Äußerung, eine Wortabfolge,… auf unangebrachte Art reagiere. So ist zum Beispiel vorgekommen, dass ich auf Nähe zeitweise reagiert habe, indem ich die andere Person wortlos weggestoßen habe. Wenn ich darüber rede oder schreibe was mein Großvater getan hat empfinde ich mittlerweile nur noch eine Art Wut und Entsetzen, darüber wie ein Mensch einem anderen so etwas antun kann. Anfangs fiel es mir jedoch unheimlich schwer darüber zu sprechen. Ich hatte versucht den Missbrauch mit dem Tag seines Todes zu begraben, doch auch wenn eine Last von mir fiel, dauerte es noch Jahre den Missbrauch zu verarbeiten.

Fast zeitgleich mit dem Brief den ich an einen Freund geschrieben hatte, begann jedoch auch ein Bekannter mich sexuell zu belästigen, was mich einerseits in die Situation brachte, dass ich mich ungewollt erneut mit dem Missbrauch durch meinen Großvater auseinander setzen musste, mir andererseits aber auch zeigte, dass ich sehr wohl in der Lage bin mich zur Wehr zu setzen, denn als ich ihm mit einer Anzeige drohte, endeten seine Belästigungen.

Dies war jedoch nicht immer der Fall, denn ich wurde drei Jahre später von meinem zweiten festen Freund vergewaltigt, der nicht warten wollte und der Ansicht war ich müsse es „hinter mich bringen“. Ich war wie im Schock und brauchte ein Jahr bis ich den Mut fand Anzeige zu erstatten, doch mir wurde mitgeteilt die Vergewaltigung sei verjährt. Weiter wurde nicht viel unternommen. Ich traute mich kaum noch nach draußen und schlich mich regelrecht aus dem Haus, da mein Vergewaltiger nun auch zu meinem Stalker geworden war und die örtlich Polizei nichts dagegen unternehmen konnte (oder wollte). Ich war zwar selbstbewusst und wehrte mich auch so gut es ging gegen ihn, wenn er mir zu nah kam, aber wenn ich mit alleine war  und diese Situationen gab es, war ich auch voller Angst, ob er es erneut versuchen würde. Nach ca. einem Jahr, in dem ich mich immer wieder aus dem Haus stehlen musste, damit er mich nicht bemerkte oder ich mich von Freunden und Familienangehörigen begleiten ließ, zog er weg. Er ist verheiratet, hat eine Frau uns soweit mir bekannt ist ein Kind.

Ein weiteres Jahr später wurde ich dann zum letzten mal zum Opfer. Ich wurde von einem Bekannten meines damaligen Freundes zu einem Spielplatz gelockt, von da aus in eine Garage gezogen und dort vergewaltigt, während mein damaliger Freund in einem nahegelegenen Supermarkt einkaufen war. Als ich wieder zum Supermarkt zurück kam, mein damaliger Freund mir mitgeteilt hatte, dass er mich gesucht hätte und bemerkte, dass etwas nicht stimmte, warf er mir vor ich sei ihm fremd gegangen und beendete die Beziehung.

Und doch komme ich sehr gut damit zurecht was mir widerfahren ist, da ich für mich Wege gefunden habe damit zurecht zu kommen. So habe ich begonnen zu zeichnen, Tagebuch zu führen, was ich bis heute tue und habe ganz viel mit meiner Familie und meinen Freunden über den Missbrauch geredet und geredet und geredet.

Ich bin heute glücklich verheiratet und habe einen Sohn, doch brauche ich sehr lange, um eine tiefe und vertrauensvolle Beziehung zu anderen Menschen einzugehen, weshalb ich kaum Freunde habe. Ich zeichne immer noch sehr viel, schreibe nach wie vor Tagebuch und rede sehr viel über meine Gefühle, mein Sexleben ist normal und ich bin glücklich. Ich verhalte mich in manchen Situationen aber auch wie ein kleines Kind; so liebe ich es Seifenblasen hinter her zu schauen oder in Regenpfützen zu springen und ich gehe im Herbst auch immer noch unheimlich gerne durch gefallenes Laub.

Das tue ich vermutlich auch, weil ich durch den Missbrauch nur bedingt ein unbeschwertes, fröhliches Kind sein konnte, doch ich bin dankbar für dieses Kind in mir und möchte es mir auch bewahren, da ich viele Dinge dadurch noch intensiver wahrnehme, manches vielleicht auch mehr zu schätzen weiß und einfach auch zufriedener bin, als ich es sonst wäre.

Ich sehe mich selbst aber nicht als Betroffene, denn das ist für mich eine Person, die sich in der Phase des Verarbeitens befindet. Als Opfer sehe ich mich aber auch nicht – das war ich, als ich missbraucht wurde, denn ein Opfer ist jemand, der einer Situation oder Handlung ausgesetzt ist dadurch Schaden erleidet und sich schwach fühlt.  Ich bin dem Missbrauch nicht mehr ausgesetzt, habe den „Schaden“, den ich dadurch erlitten habe verarbeitet und fühle mich auch nicht schwach. Ich führe ein selbstbestimmtes Leben, das sehr erfüllt ist und denke eigentlich auch nicht mehr darüber nach, dass ich ein Missbrauchsopfer war und nun eine Überlebende bin. Doch gerade, weil ich für mich festgestellt habe wie wichtig es ist immer und immer wieder darüber zu reden, schreibe ich regelmäßig darüber, weil ich weiß, dass es meinem Mann weh tut zu hören, dass ich missbraucht wurde…

Aber: Es geht mir gut!!!

Ich habe auch ein Gedicht geschrieben, dass sich mit dem Missbrauch durch meinen Großvater beschäftigt geschrieben:

Sieh mich an – ich steh vor Dir
Du glaubst es nicht, doch ich spreche zu Dir.
Du hast mich verletzt
Meine Seele zerfetzt!
Ich war noch klein
Du hattest den Anschein
Dein Herz wäre rein.
Du hast mich benutzt
Ich fühlte mich beschmutzt.
Dein Leben ging zu Ende
Für mich warst Du ein Fremder.
Es erwachte in mir eine Menge Mut
Endlich kann ich sagen:
Es geht mir wieder gut.
Ich sprach über Deine Taten
Du hattest mich verraten.
Mein Leben geht weiter
Ich bin wieder froh und heiter.
Ich werde nie vergessen was mit mir geschah
Doch es gibt so viele Menschen einfach wunderbar
Die kämpfen gegen Menschen, die solche Dinge tun.
Sie werden niemals ruhen
Bis die Strafen werden härter
Sie sind so was wie Wächter.
Sie wollen für Kinder Schutz
Damit diese nie mehr werden beschmutzt!

© S. Stolzenberg

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2 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Das Gedicht am Ende ist großartig.


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