„Wie ich darüber denke, wenn in Bezug auf Täter eines Missbrauchs zu Gewalt aufgerufen wird“ oder „Wie sollte man reagieren, wenn man von einem Missbrauchsfall erfährt“

Einleitung: Warum ich über dieses Thema schreibe. Ich schreibe meine Gedanken zu diesem Thema auf, weil ich selbst eine Überlebende bin und mich die Gewaltaufrufe anderer in meinem Umfeld und in sozialen Netzwerken immer wieder traurig stimmen, da ich hier nicht erkennen kann, dass es ihnen um das Opfer geht!

Ich kann diese Gewaltaufrufe, dass solche Menschen die Todesstrafe erhalten oder ihnen die Geschlechtsteile verletzt werden sollten, aber sogar nachvollziehen. Denn auch ich empfinde eine gewisse Wut und Hilflosigkeit über diese Taten und frage mich wie ein Mensch einem anderen so etwas antun kann. Ich kann mir auch eine Verzweiflung über die zunehmende Anzahl an Berichterstattungen vorstellen und verstehe auch den oft empfundenen Ekel, wenn man sich mit solchen Tate beschäftigt, aber für mich spricht mehr gegen solche Gewaltfantasien, als dafür.

Erst mal kann es keine gerechte Strafe geben. Aber eine Gewalttat an einem solchen Menschen wäre nur ein kurzzeitiger Schmerz, der aber auch einem Täter bedürfte, der sich dann wiederrum auf eine ähnliche Stufen stellen müsste, wie dieser Mensch selbst und für mich sollte es eine nachhaltigere Strafe sein, die ein solcher Mensch erdulden müsste.

Aber was für mich viel entscheidender ist: Das Opfer wird bei diesem Gedankengang gar nicht bedacht, obwohl es doch eher um dieses gehen sollte, da es unter der Tat und den Folgen zu leiden hat, nicht der Täter – ihm tut es vermutlich eher gut, wenn er wegen der Tat weitere Aufmerksam bekommt!!!

Denn das Opfer hat erst unter der Tat, die sich über Jahre erstrecken kann, zu leiden, muss dann entweder versuchen alleine mit der Tat umzugehen, eine Therapie zu machen oder den Mut zu finden Anzeige zu erstatten, ist dann den mitleidigen Blicken seiner Umwelt ausgesetzt, die ihm sagen: „Du Arme, Du tust mir so leid, das muss so schrecklich gewesen sein,…“ und dann muss es die Tat in der Aussage bei der Polizei und vor Gericht sowie einer eventuellen Therapie immer und immer durchleben und wenn es „Glück“ hat, erreicht es irgendwann den Punkt, wo es mit der Tat zurecht kommt und diese verarbeitet hat.

Es werden sich jetzt jedoch vermutlich auch diejenigen, die diesen Blog lesen fragen wie die Strafe aussehen würde, wenn ich diese zu entscheiden hätte.

Ich würde bei bewiesenem Missbrauch den Täter mit völliger Isolationshaft bestrafen, wobei das auch bedeuten würde, dass er nicht nur keinen direkten Kontakt zu anderen Lebewesen hätte, sondern es auch zu keinerlei Kommunikation käme, da der Mensch ein soziales Lebewesen ist und meiner Ansicht nach die lebenslange völlige Isolation die schlimmste Strafe ist, die ein Mensch zu erwarten hat.

Was würde ich mir nun als Reaktion wünschen, wenn ein Missbrauchsfall bekannt wird?

Ich würde mir wünschen, dass man mit dem Opfer mitfühlt (was nicht mit Mitleid gleichzusetzen ist!) und sich fragt wie man diesem Opfer helfen kann den Missbrauch zu verarbeiten. Weiterhin, dass man sich damit beschäftigt wie man weitere Missbrauchsfälle vermeiden oder zumindest reduzieren kann, nämlich durch Aufklärung und Projekte wie „Kein Täter werden“…, denn Wut allein reicht nicht!!!

Ich habe allerdings die Erfahrung gemacht, dass die meisten, die bisher nicht selbst zu Opfern wurden und auch keine Angehörigen, nahen Bekannten,… haben, die missbraucht wurden mit Wut, Verzweiflung, Scham, Unwohlsein und ähnlichen Gefühlen reagieren und sehr oft zu Gewalt gegen Täter aufrufen und es bei einigen Angehörigen ähnlich ist, andere Angehörige aber Mitgefühl und Verständnis mit dem Opfer empfinden und ihnen die Hilfe für diese Person wichtiger ist, als die Strafe für den Täter.

Ich habe mich jedoch am meisten verstanden gefühlt, wenn ich mich mit anderen Betroffenen ausgetaucht habe. Mir wurde Mitgefühl und Verständnis entgegen gebracht, ich konnte, wenn auch nicht im Detail, darüber reden was mir passiert ist, ohne wütenden oder schamerfühlte Reaktionen oder dass man mir sagte man wolle nicht darüber sprechen, weil man mich nicht beschützen konnte, wie es in meinem nahen Umfeld immer wieder passiert. Mir wurde aber nicht „nur“ zugehört, man hat mir Tipps gegeben was mir helfen könnte, wenn es mir mal schlecht ging und man hat aber genauso mit mir gelacht, wenn es angebracht war und das ist etwas, dass mir bei Nicht-Betroffenen sehr fehlt, denn auch ein Betroffener muss reden, weinen und lachen können und nicht nur als das „arme, hilflose Opfer“ gesehen und behandelt werden!

Also denkt erst mal darüber nach, was solche Äußerungen bei Opfern bewirken und, ob ihr wirklich über die im jeweiligen Fall wichtige Person nachdenkt und redet, wenn ihr zu Gewalt gegen Täter von Missbrauchsfällen aufruft!!!

Ich möchte mich mit diesem Blog übrigens auch bei allen Lieben Überlebenden bedanken, mit denen ich mich immer wieder austauschen darf! ♥♥♥

Ergänzend möchte ich im Hinblick auf dieses Thema noch auf ein paar andere gute Texte dazu hinweisen. Diese sind: http://www.facebook.com/notes/udo-symbiont-ziegenzottel/kindersch%C3%A4nder-sch%C3%A4nder/10151038620258839 und vom Regenbogenwald die beiden Beiträge http://www.regenbogenwald.de/themen/berichte/brief_einer_betroffenen.htm und http://www.regenbogenwald.de/themen/npd_und_kinderschutz/gegen_kinderschaender.htm

Ich kann Euch nur empfehlen diese Texte ebenfalls zu lesen!

© S. Stolzenberg

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Published in: on 12. August 2012 at 00:51  Comments (2)  

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2 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Hallo Sabrina, sehr gut! Schau mal auf meine Facebook Seite, Gewalt-Missbrauch-Burkard

  2. Danke für den Artikel, ich hoffe, dass ihn viele dieser stumpfen Parolen Verbreiter zu lesen bekommen. Was zum Thema: http://erzaehlmirnix.wordpress.com/2012/05/04/echte-hilfe-fur-opfer/


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