Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Hidden Track des Albums „Gespaltene Persönlichkeiten“ von „Xavas“

Warum ein Blog über einen Songtext?

Der Hidden Track „Wo sind sie jetzt?“ soll eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema ritueller Missbrauch sein, was an sich eine gute Sache ist, aber sehr unglücklich versucht worden ist, dennoch zeigt dies auch verschieden Dinge, die im Zusammenhang mit dem Thema Missbrauch wichtig sind auf und sorgt dafür, dass sich damit auseinander gesetzt wird.

Leider ist es aber so, dass vielen gar nicht bewusst zu sein scheint, dass es bei dem Song um rituellen Missbrauch geht, sondern viele denken es ginge um sexuellen Missbrauch (dazu nur mal googeln 😉 ). Ich werde im folgenden nun schreiben welche Textpassagen ich für gut und wichtig halte, welche ich abgeändert hätte und welche ich für gefährlich halte und dass auch im speziellen in Bezug auf Betroffene von sexuellem und/oder rituellem Missbrauch. Weiterhin werde ich ein paar Informationen über die Künstler schreiben und wo diese im Song wiederfinde, sowie ein abschließendes Fazit.

Ich werde zwar einzelne Textpassagen verwenden, werde diese aber möglicherweise auch später nochmal aufgreifen und möchte darauf hinweisen, dass diese Textpassagen triggern könnten!!!

Eingehend heiß es im Song „Ich schneide Euch jetzt mal die Arme und die Beine ab und dann fick ich Euch in´n Arsch, so wie Ihrs mit den Kleinen macht.“

Dies könnte als Aufruf zur Selbstjustiz verstanden werden, ist aber laut Xavier Teil eines Berichts einer Augenzeugin, die ihm 2010 davon berichtete und soll zugleich laut Savas die Verzweiflung und die Wut zum Ausdruck zu bringen, die ein Mensch genau in der Sekunde empfindet, in der er erfährt, dass ein Kind missbraucht wurde. Dies ist sicherlich gelungen, doch zugleich halte ich diese Passage für sehr gefährlich, da nicht deutlich wird, dass hier die Sichtweise von Angehörigen betroffener Personen verdeutlicht werden soll und untermauert somit auch ungewollt die viel verbreitete Forderung zur Selbstjustiz und den erhöhten Fokus auf den Täter, nicht aber (was sich Betroffene wünschen) das Opfer. Es zeigt zudem nicht „nur“ die Verzweiflung und Wut der Angehörigen von Betroffenen, sondern generell, die Wut und Verzweiflung, wenn jemand Kenntnis von einem Missbrauchsfall erlangt. Verdeutlicht wird diese Wut auch durch die Textpassage „und ich zerquetsch Euch die Klöten“ einer Aussage, die sehr oft von Nicht-Betroffenen verwendet wird. Und diese Wut und Verzweiflung scheint auch Xavier zu empfinden, da er selbst sagt: „Im vorliegenden Fall von Ritualmorden an Babys oder Kindern komme ich an eine Grenze, an der man aktiv etwas tun möchte, und selbst zur Bestie wird, um sich einer menschlichen Bestie entgegen zu stellen.“

Dies wird auch mit dem dritten Satzes im Text („Trotzdem würd ich Euch töten“) fortgeführt und sogar zum indirekten Aufruf zur Todesstrafe weitergeführt, der wiederum den Fokus auf den Täter setzt und genau gegenteilig zum Wunsch der meisten Betroffenen steht, die sich klar gegen die Todesstrafe aussprechen.

Hier hätte ich mir als Betroffene von Missbrauch gewünscht, dass es klar hervorgehoben wird, dass dies die Sichtweise von zumeist Nicht-Betroffenen wiederspiegelt, damit dies deutlich wird und es hätte im Hinblick auf Betroffene vor dem Track eine Triggerwarnung geben müssen!

In wie fern der zweite Teil der Textpassage („ und dann fick ich Euch in´n Arsch“) teil der Schilderung der Augenzeugin ist bleibt unklar, ist aber erst mal ein Hinweis darauf, dass es bei rituellem Missbrauch auch zu sexuellen Handlungen kommt, da während der okkult-satanistischen Rituale Opfer zu sexuellen Handlungen gezwungen werden (http://www.sekten-info-essen.de/texte/ritueller-missbrauch.htm),könnte aber auch als eine Art Hinweis auf Xaviers Missbrauch verstanden werden, der im Alter von acht Jahren von einem Mann missbraucht wurde. Es bleibt aber selbst dann ein fader Beigeschmack, da er als Mensch des öffentlichen Lebens auch eine Vorbildfunktion hat und somit auch die Verantwortung dies dann so klar zu machen und nicht als allgemeine Auffassung zu verwenden, da damit jeder Schwule auch mit Tätern sexuellen und/oder rituellen Handlungen gleichgesetzt wird, was natürlich so nicht stehen gelassen werden kann. Auch dies wird zumindest für Kritiker des Songtextes weitergeführt, indem es im Song später weiter heißt:“ Warum liebst Du keine Möse? Weil jeder Mensch doch aus einer ist.“ Doch das kann relativiert werden, da es zumeist Erfahrungsberichte von Frauen sind auf die bei Definitionsversuche zurückgegriffen wird und es meist auch vermehrt Erfahrungsberichte von Frauen gibt.. Da kann man zu Recht fragen „warum liebst Du keine Möse?“

Der zweite Satz des Songs „Ich nur traurig und nicht wütend:“ ist mir völlig unverständlich, da er sicherlich nicht die Sichtweise von Nicht-Betroffene zeigt – diese sind wütend auf den Täter- wenn davon ausgegangen wird, dass künstlerisch die Sichtweise von Angehörigen betroffener Personen verdeutlicht werden soll wie es im Statement von Savas hieß. Sollte sich dieses Statement jedoch auf die gewaltverherrlichenden Textpassagen beziehen, könnte hier versucht worden sein eine mögliche Sichtweise eines Betroffenen dargestellt zu werden. Denn ein Betroffener oder eine Augenzeugin (deren Schilderung laut Xavier ja die beiden ersten Zeilen des Songs zeigen sollen) dürfte im Hinblick auf die Fokussierung des Täters traurig darüber sein, dass dieser so stark in den Fokus gerückt wird.

Nun wird mit der Textpassage „Ihr tötet Kinder und Föten“ zum ersten mal bewusst gemacht, dass es in dem Song um rituellen nicht sexuellen Missbrauch geht , denn es werden Babys, Kinder und Erwachsene geopfert (http://www.sekten-info-essen.de/texte/ritueller-missbrauch.htm), was durch die vorher bereits geäußerten Hassfantasien fast „unter geht“.

Die Verdeutlichung, dass über rituellen Missbrauch gesungen wird, setzt sich fort mit den Textzeilen „Sie treffen ich im Keller und rasten aus zelebrieren den ??? Schrei. (…) Okkulte Rituale besiegeln den Pakt der Macht. Mit unfassbarer Perversion werden Kinder und Babies abgeschlachtet. Teil einer Loge, getarnt unter Anzug und Robe. Sie schreiben ihre eigenen Gebote.(…) Und Robert sprach auch von Tieropfern, und auch von Kindern.“

Hierzu passen Schilderungen von Betroffenen wie“ Es treten Satanspriester auf, die häufig als „Kapuzenmänner“ verkleidet sind“ oder „Kinder werden gezwungen, bei der Verstümmelung von Tieren anwesend zu sein oder aktiv daran teilzunehmen, menschliches Fleisch zu essen oder Urin, Samen und Blut zu trinken“.(http://www.sekten-info-essen.de/texte/ritueller-missbrauch.htm)

In dieser Passage des Songs wird im Ansatz die Brutalität eines rituellen Missbrauchs aufgezeigt, was auch der Satz „Denn ihr Durst ist unstillbar“ verdeutlichen soll. Auch wird mit der Aussage „ Sie (…) lächeln ins Blitzlicht“ darauf hingewiesen, dass es sich bei den Tätern auch um höher gestellte Personen handelt (Die Satanssekten sind hierarchisch organisiert. In den höheren Ebenen befinden sich häufig Staatsanwälte, Ärzte, Priester, Industrielle, hohe Polizeibeamte, die gut (auch international) vernetzt sind. Quelle: http://www.sekten-info-essen.de/texte/ritueller-missbrauch.htm)

Hiermit wird ein Tabu gebrochen, da es kaum bis gar keine Aufklärung zu rituellem Missbrauch und kaum Berichte über höher gestellte Täter gibt und diese fehlende Aufklärung wird auch durchgängig im gesamten Song kritisiert, indem gefragt wird „Wo sind unsere Helfer? Unsere starken Männer? Wo sind unsere Führer?
Wo sind sie jetzt? Wo sind unsere Kämpfer? Unsere Lebensretter? Unsere Fährtenspürer? Wo sind sie jetzt?“ oder geäußert wird „sie können nur so lang spielen, wie wir uns nicht informieren“.

Diese Kritik ist mehr als nur berechtigt, da es in den Medien kaum Aufklärung oder präventive Werbespots wie etwa von gegen-missbrauch e.V. (http://www.gegen-missbrauch.de/) gibt bzw. diese zu selten in den Medien gezeigt werden. Denn „Niemand will darüber reden“, da es ein unangenehmes Thema ist mit dem man sich nicht beschäftigen möchte, es sei den man möchte seiner Wut Luft machen oder ist/ war betroffen.

Andererseits frage ich mich dann auch warum, wenn es doch um die Betroffenen geht und aufgeklärt werden soll, wird nicht mal ansatzweise sie Sichtweise eines Betroffene aufgezeigt und der Fokus nur auf die Täter gelenkt wie es immer in den Medien passiert? Warum nicht mal die darauf hinweisen was es für das Opfer für eine Überwindung ist sich zu öffnen und über den Missbrauch zu sprechen, eine Therapie zu machen und dennoch zumindest in einigen Fälle in der Lage zu sein ein selbstbestimmtes, glückliches, erfülltes Leben zu führen (bei den Betroffenen sexuellen Missbrauchs sogar in den meisten Fällen)?

Aber trotzdem finde ich diese Kritik an den Medien und Politikern sehr gut!

Was ich ebenfalls sehr gut finde, ist dass im Song mit einem Mythos gebrochen wird, nämlich dass es sich meist um Fremdtäter handle (zumindest beim sexuellem Missbrauch ist es nachweislich so, dass 75% der Täter aus der Familie oder dem Bekanntenkreis stammen) .

Nun zu den Künstlern:

Kool Savas ist der Sohn einer Deutschen und eines Türken. Er ging mit seiner Familie als Einjähriger in die Türkei zurück. Sein aus Çorum in der Türkei stammender Vater wurde dort aufgrund seiner politischen Haltung inhaftiert. Dies zwang Savas‘ Mutter, nach Aachen zurückzukehren. 1987 zog die wieder vereinte Familie nach Berlin-Kreuzberg, wo Savas erstmals mit Rap in Berührung kam.

Er unterstütze Kampagne „Du bist Deutschland“, das Projekt „Think Big“, war ein wichtiger Teil einer Anti-Cannabis-Kampagne des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg und Mittelpunkt einer PETA-Kampagne, was zeigt, dass er sich sozial engagiert, was er sicherlich auch mit dem Hidden Track tun wollte.

Xavier Naidoo begann  nach seinem Schulabschluss eine Lehre als Koch, modelte für Bademoden, war Türsteher eines Clubs  und ging in die USA, wo er unter dem Künstlernamen Kobra sein erstes Soloalbum, Seeing Is Believing, veröffentlichte. 1994 trat er als Backgroundsänger beim Rödelheim Hartreim Projekt der Frankfurter Produzenten Moses Pelham und Thomas Hofmann auf. Dort wurde er vom Label 3p entdeckt und als Solostar aufgebaut.

Er wurde als achtjähriger missbraucht, ging 2001 damit an die Öffentlichkeit,  hat sich aber nicht intensiv mit dem Thema Missbrauch beschäftigt und seinen eigenen Missbrauch auch vermutlich nicht verarbeitet was auch die Textpassage seines Songs „Sie verdienen einen besonderen Schutz“ verdeutlicht, in dem es heißt:“ Es war noch nie Unwort des Jahres/ „Kindesmissbrauch“/Eine Schande ist und war es“. Das zeigt sich auch in Teilen des Hidden Track in denen er Gewaltfantasien beschreibt.

Dennoch ist es ihm sehr wichtig sich sozial zu engagieren so hat er den Falco-Song „Jeanny“ neu aufgenommen, dessen Erlös an missbrauchte Kinder ging, setzt sich für die Projekte „Aufwind Mannheim“ und „FortSchritt Walldorf“ ein und wollte schon mit den Titeln „Wenn ich schon Kinder hätte“ und 2010 mit „Sie verdienen einen besonderen Schutz“ auf das Thema Missbrauch aufmerksam machen.

Fazit: Ein guter Ansatz sich mit Missbrauch und rituellem Missbrauch im speziellen auseinanderzusetzen, der aber durch die eigene Wut über solche Taten dennoch nicht geglückt ist, vielleicht in Zusammenarbeit mit einer Beratungsstelle besser funktioniert hätte, einen Triggerhinweis enthalten sollte, aber das Thema ritueller Missbrauch und Missbrauch im allgemeinen nochmal in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt hat.

© S. Stolzenberg

Advertisements
Published in: on 18. November 2012 at 03:10  Schreibe einen Kommentar  

The URI to TrackBack this entry is: https://sabrinastolzenberg.wordpress.com/2012/11/18/eine-kritische-auseinandersetzung-mit-dem-hidden-track-des-albums-gespaltene-personlichkeiten-von-xavas/trackback/

RSS feed for comments on this post.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

sophiesanderswelt

Mutter sein und Frau bleiben mit behindertem Kind

jutimablog

Das Leben eines Kindes der 80er. Meine Gedanken, meine Lieblingsmusik, meine Fotos und anderes. Willkommen :)

Herzensangelegenheit.

Eine Mutter liebt am stärksten ihr schwächstes Kind (schwedisches Sprichwort)

diaphanoskopie

...im Gegenlicht der Wirklichkeit.

Kind und Studium

Zwischen alltäglichem Wahnsinn und Freuden

erzaehlmirnix

[hier bitte kreative Beschreibung einfügen]

wheelymum

Eltern mit Behinderung und chronischer Krankheit meets Familienleben

maria ante portas

Inklusionsblog

kiki blacks blog

Mein Leben, mein Chaos, meine Familie und ich

Leben mit Autismus & einem halben Herzen

Wir müssen bereit sein, uns von dem Leben zu lösen, das wir geplant haben, damit wir das Leben finden, das auf uns wartet. (Oscar Wilde)

Hochsensibel und Multipassioniert

Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann rufe nicht die Menschen zusammen, um Holz zu sammeln, Aufgaben zu verteilen und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem großen, weiten Meer. Antoine de Saint-Exupéry

Autland Nürnberg

von und für Autisten

Andersfamilie

Huch, ich dachte immer DIE wären anders

dasfotobus

gedankenparkplatz || Mensch mit Meer

Blogger ASpekte

Menschen im Autismus-Spektrum haben sich zusammengeschlossen, um aus ihrer Sicht die Welt zu beschreiben. Alle Bloginhalte von "Blogger ASpekte" sind urheberrechtlich geschützt und dürfen ohne schriftliche Genehmigung der jeweiligen Autoren nicht kopiert und veröffentlicht werden.

meerigelstern

mit Schneeflocken fliegen - die Welt anders erleben, autistische Lebensformen berichten aus der Chaoswelt und von Gemeinsamlebenstipps

laviolaine.com

Foto-Reportagen und Portraits

Anders als die anderen - Lohengrins Blog

Verdacht auf Autistische Spektrumsstörung

Papa b(l)oggt

Das etwas andere Papablog

Gedankencocktails

Eine Autistin zwischen den Welten

melli´s kleines nähkästchen

wilkommen in meiner Sicht der Dinge

autzeit

Irgendwo im Universum bin ich falsch abgebogen.

Charly's Welt

oder wie ich sie sehe ...

butterblumenland

Familienleben mit Autismus

mehrblickblog.wordpress.com/

Inklusion | Vielfalt | Menschen

Quergedachtes | Ein Blog über Autismus

Autismus aus Sicht eines Autisten

RBW-Blog

Regenbogenwald - Hilfe zur Selbsthilfe e.V.

Ein Blog von Vielen

ein Ziel - viele Kämpfe_r_innen

Gedankenkarrussel

Ein Blog über mein Leben mit Asperger und Dauermüdigkeit

Erdlingskunde

Das seltsame Verhalten neurotypischer Menschen, versuchsweise beschrieben von einem Neurotypischen.

DenkenderTraum

Autismus, Aspie, Ich

innerwelt

Ich bin Asperger Autistin und hier sollen meine Gedanken Platz finden.

altonabloggt

Themen rund um und aus Altona und Hamburg

früher war ich falsch...

...heute bin ich anders...

Ich bin Autistin - Asperger-Syndrom bei Frauen

Autismus aus der Sicht einer Betroffenen

%d Bloggern gefällt das: