Schubladendenken

„Es gibt nicht genug Schubladen, in die ihr mich stopfen könntet. Ich bin ich, nichts anderes macht mich aus.“ (Zitat von Gronkh)

Wer hat diesen Satz so oder ähnlich nicht schon mal gelesen oder vielleicht auch gehört?
Eigentlich denkt man sollte es auch so sein, dass man nicht in Schubladen denkt. Und doch tun wir es alle jeden Tag unbewusst oder bewusst – und wir werten anhand dieser Schubladen. Es gibt eine Vielzahl von Schubladen: dick oder dünn, groß oder klein, Einzelgänger oder Teamplayer, gesund oder krank und viele weitere, in die wir andere Menschen kategorisieren und dabei bewerten wir die Menschen anhand dieser Schubladen. Aber wir können nicht mal etwas dafür, dass wir in Schubladen denken, denn wir Menschen sind faul was das Denken betrifft und Menschen zu kategorisieren, nimmt dem Gehirn viel Arbeit ab. Dazu habe ich einen sehr interessanten Artikel gefunden: http://www.alltagsforschung.de/gefahrliches-schubladendenken-klischees-schmalern-die-leistung/

Aber was für Folgen kann dieses Schubladendenken haben?

Schubladendenken führt meist zu einer negativen Bewertung anderer Menschen, zum Beispiel, dass sich jemand, der mollig ist nicht gesund ernährt und sich zu wenig bewegt oder auch, dass jemand, der viele Arbeiten alleine erledigt nicht gut im Team arbeiten kann. Dadurch werden Menschen, die wir negativ bewerten gemieden und ausgegrenzt.

Diese Ausgrenzung wiederum führt dazu, dass sich diese Menschen, die wir negativ bewerten vielleicht verletzt und unverstanden fühlen. Aber es kann auch viel schlimmere Folgen haben wie etwa beim Schubladendenken bezüglich Behinderungen. Viele Menschen assoziieren mit dem Begriff Behinderung, dass Menschen mit Handicap nur noch eine Last sind, sich die pflegenden Person aufgibt und das Leben nicht mehr genießen kann und es gibt sicher Fälle in denen das zutrifft, aber es gibt durchaus auch Menschen, die eine andere Person pflegen und dennoch in der Lage sind zu lachen, Freude zu empfinden und mal Zeit für sich einzuplanen. Besonders gefährlich wird es aber, wenn man wegen eines negativen Schubladendenkens sogar dazu bereit ist jemanden zu misshandeln wie es bei MMS der Fall ist. Hier wird Autismus mit einer Krankheit gleichgesetzt, die dazu führt, dass sich der Pflegende selbst aufgibt und keine Zeit mehr für sich haben wird. Dafür gibt es seit einigen Jahren ein „Wundermittel“ – nämlich MMS, das angeblich Autismus (der nicht heilbar ist!!!) heilen soll. Dazu wird Betroffenen empfohlen Chlordioxit einzunehmen. Das geht sogar so weit, dass Eltern ihre Kinder zwingen Chlordioxit täglich über Jahre einzunehmen und dabei nehmen sie die Gefahr in Kauf, dass ihre Kinder unter enormen gesundheitlichen Folgeschäden zu leiden haben. Das ist natürlich ein Extremfall zu dem negatives Schubladendenken führt, aber einer, der die das Risiko besonders verdeutlicht.

Schubladendenken kann aber auch positive Folgen haben etwa, wenn ich weiß, dass mein Gegenüber jemand ist, der ungerne nach Hilfe fragt, ich aber sehe, dass er Hilfe benötigt und ihm diese dann anbiete. So kann ich indem ich auf mein Schubladendenken zugreife besser auf diesen Menschen eingehen, anstatt zu warten, bis er um die nötige Hilfe bittet. Ein anderer Beispiel findet sich in folgenden Artikel: http://www.focus.de/wissen/experten/alexander/wer-tickt-wie-mit-schubladendenken-die-menschenkenntnis-erweitern_id_3571127.html
Nötig für diese positive Folge von Schubladendenken ist eigentlich nur, dass ich emphatisch mit meinem Gegenüber umgehe (und das sollte eigentlich unser aller Ziel sein 😉 )
Es gibt aber noch eine weitere mögliche Folge von Schubladendenken, nämlich das Versagen bei positivem Schubladendenken. Dazu ein Artikel: http://www.alltagsforschung.de/gefahrliches-schubladendenken-klischees-schmalern-die-leistung/

Ich habe in meinem direkten Umfeld einige Menschen bei denen ich negative und vereinzelt auch positive Folgen von Schubladendenken beobachte und die werde ich hier auch noch beschreiben:

Einer dieser Menschen ist meine Schwiegermutter, die meinen Schwiegervater pflegt.
Sie ist ein Mensch, der immer hilft, wenn es ihr möglich ist, aber selbst ungerne nach Hilfe fragt. Da wir das wissen, bieten wir ihr Hilfe an, die sie dann auch dankend annimmt. Aber sie ist auch ein Mensch, der viel darüber nachdenkt was andere Menschen über sie und ihre Lebenssituation denken könnten und da der Begriff der Pflege für viele Menschen negativ behaftet ist, nimmt sie hier keine Hilfe an. Sie möchte nicht, dass sie von einem Pflegedienst unterstützt wird und es damit in gewissen Maß nach Außen tritt, sondern sie möchte es lieber innerhalb der Familie belassen und geht damit an ihre Grenzen (und leider oft auch darüber hinaus). 😦

Eine meiner Schwägerinnen, die sich zusammen mit ihrem Mann ein Haus gekauft hat bekam auch die Folgen von Schubladendenken zu spüren, da der Mann Hauptverdiener ist und sie „nur“ einen Minijob hat. Viele haben sich gefragt wie sie das finanzieren und es wurde viel geredet.

Meine andere Schwägerin hat sich nach relativ kurzer Zeit nach dem Tod ihres Mannes wieder auf eine Beziehung eingelassen, wobei der Tod ihres Mannes leider absehbar war. Ob es daran lag, dass sie ihn gar nicht mehr als ihren Partner sehen konnte, kann ich nicht beurteilen, aber für mich war die Erklärung wie es möglich war. Ich sagte ihr aber auch, dass sie sich vielleicht mehr Zeit zum trauern lassen sollte, da ich mir Sorgen um sie machte (ich befürchtete, dass sie so den Verlust ihres Mannes versuchte zu verdrängen). Natürlich gab es auch deswegen sehr viel Gerede.

Meine Oma ist auch ein Mensch, bei dem es ebenfalls viel Gerede gab, da sie kurze Zeit nach dem Tod ihres Mannes begann ehrenamtlich zu arbeiten, weil es ihr schwer fiel den ganzen Tag alleine zu Hause zu sitzen. Es tut ihr gut und sie ist regelrecht aufgeblüht, aber für viele war es auch ein Zeichen, dass sie ihren Mann gar nicht so sehr geliebt hätte. Wen sie Hilfe benötigen könnte, vermeidet sie es dennoch danach zu fragen, weil sie sich nicht aufdrängen möchte, so dass wir ihr diese Hilfe oft ungefragt anbieten. Sie hat auch den Eindruck sich aufzudrängen, wenn sie fragt, ob sie ihren Urenkel sehen könnte und da ich aber weiß wie wichtig ihr der Kontakt ist, frage ich sie hin und wieder, ob wir sie besuchen könnten oder sie vielleicht auf unseren Kleinen aufpassen könnte 🙂 .

Auch meine Mutter erfährt immer mal wieder Ausgrenzung als Folge von Schubladendenken, denn sie hat einen Schwerbehindertenausweis, würde aber gerne wieder arbeiten. Wegen des Ausweises erhält sie aber eine Absage nach der anderen, nur dass es immer auch noch eine offizielle Begründung unabhängig vom Ausweis gibt, weil es ja rechtlich geahndet werden könnte, wenn ein Bewerber diskriminiert würde.

Und auch wir hatten und haben mit Folgen von Schubladendenken zu tun. So wollten wir zuerst gar nicht wahrhaben, dass unser Sonnenschein Autist sein sollte, da wir im Hinblick darauf nur den Film „Rainman“ kannten und Angst davor hatten, dass unser Kind „so“ sein könnte. Erst als wir uns mehr damit auseinander setzten begriffen wir, dass Autismus nichts Schlimmes ist. Aber dennoch taten wir uns auch sehr schwer damit für unseren Kleinen einen Schwerbehindertenausweis zu beantragen, obwohl wir dann feststellten, dass dieser Ausweis (zumindest zurzeit) für uns alle nur Vorteile bietet. Durch die Handicaps unseres Kleinen haben wir aber auch immer mal wieder mit abwertenden Äußerungen und Blicken zu tun und mussten uns auch schon mehrfach rechtfertigen warum es ihm zum Beispiel nicht zumutbar wäre, wenn er zu einer Feier in den Abendstunden mit müsste….

Ich kann mich zwar selbst nicht davon freisprechen auch mal negativ über andere Menschen gewertet zu haben, aber zumindest bin ich dann bemüht mit den entsprechenden Menschen, wenn sie mir nahe stehen zu reden was mich konkret stört oder es für mich zu behalten, wenn es Fremde sind. Ich habe natürlich (wie jeder andere auch) auch schon mal gelästert, aber dann versuche ich es zumindest so zu tun, dass der Betroffenen es nicht mitbekommt.

Ich würde mir einfach wünschen, dass die Menschen die Schubladen, in die sie andere Menschen „einsortieren“ nicht auch mit Vorurteilen füllen, sondern diese eher hinterfragen. Außerdem würde ich mir eine Bereitschaft wünschen Vorurteile zu durchbrechen und emphatisch mit den Mitmenschen umzugehen…..

© S. Stolzenberg

Advertisements
Published in: on 1. Juni 2014 at 00:29  Comments (1)  

The URI to TrackBack this entry is: https://sabrinastolzenberg.wordpress.com/2014/06/01/schubladendenken/trackback/

RSS feed for comments on this post.

One CommentHinterlasse einen Kommentar

  1. Schöner Beitrag 🙂

    Ich sehe Schubladen auch als etwas positives:
    https://hochsensibel1753.wordpress.com/2015/09/05/das-chamaeleon-in-der-schublade/

    Liebe Grüße,
    Julia


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Sascha Stracks

Fotograf & Bildbearbeiter

sophiesanderswelt

Mutter sein und Frau bleiben mit behindertem Kind

jutimablog

Das Leben eines Kindes der 80er. Meine Gedanken, meine Lieblingsmusik, meine Fotos und anderes. Willkommen :)

Herzensangelegenheit.

Eine Mutter liebt am stärksten ihr schwächstes Kind (schwedisches Sprichwort)

Diaphanoskopie

Ich bin umgezogen

Kind und Studium

Zwischen alltäglichem Wahnsinn und Freuden

erzaehlmirnix

[hier bitte kreative Beschreibung einfügen]

wheelymum

Eltern mit Behinderung und chronischer Krankheit meets Familienleben

maria ante portas

Inklusionsblog

kiki blacks blog

Mein Leben, mein Chaos, meine Familie und ich

Leben mit Autismus & einem halben Herzen

Wir müssen bereit sein, uns von dem Leben zu lösen, das wir geplant haben, damit wir das Leben finden, das auf uns wartet. (Oscar Wilde)

Hochsensibel und Multipassioniert

Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann rufe nicht die Menschen zusammen, um Holz zu sammeln, Aufgaben zu verteilen und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem großen, weiten Meer. Antoine de Saint-Exupéry

Autland Nürnberg

von und für Autisten

Andersfamilie

Huch, ich dachte immer DIE wären anders

dasfotobus

gedankenparkplatz || Mensch mit Meer

Blogger ASpekte

Menschen im Autismus-Spektrum haben sich zusammengeschlossen, um aus ihrer Sicht die Welt zu beschreiben. Alle Bloginhalte von "Blogger ASpekte" sind urheberrechtlich geschützt und dürfen ohne schriftliche Genehmigung der jeweiligen Autoren nicht kopiert und veröffentlicht werden.

meerigelstern

mit Schneeflocken fliegen - die Welt anders erleben, autistische Lebensformen berichten aus der Chaoswelt und von Gemeinsamlebenstipps

laviolaine.com

Foto-Reportagen und Portraits

Anders als die anderen - Lohengrins Blog

Verdacht auf Autistische Spektrumsstörung

Papa b(l)oggt

Das etwas andere Papablog

Gedankencocktails

Eine Autistin zwischen den Welten

melli´s kleines nähkästchen

wilkommen in meiner Sicht der Dinge

autzeit

Irgendwo im Universum bin ich falsch abgebogen.

Charly's Welt

oder wie ich sie sehe ...

butterblumenland

Familienleben mit Autismus

NaLos_MehrBlick

Inklusion | Vielfalt | Menschen

Quergedachtes | Ein Blog über Autismus

Autismus aus Sicht eines Autisten

RBW-Blog

Regenbogenwald - Hilfe zur Selbsthilfe e.V.

Ein Blog von Vielen

ein Ziel - viele Kämpfe_r_innen

Gedankenkarrussel

Ein Blog über mein Leben mit Asperger und Dauermüdigkeit

Erdlingskunde

Das seltsame Verhalten neurotypischer Menschen, versuchsweise beschrieben von einem Neurotypischen.

DenkenderTraum

Autismus, Aspie, Ich

innerwelt

Ich bin Asperger Autistin und hier sollen meine Gedanken Platz finden.

altonabloggt

Themen rund um und aus Altona und Hamburg

früher war ich falsch...

...heute bin ich anders...

%d Bloggern gefällt das: