Behinderte nerven?

Ich bin heute über diesen Artikel http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/587467/Warum-Behinderte-nerven gestolpert.

In diesem Artikel heißt es „Behinderte wollen in die Mitte der Gesellschaft, sie wollen ernst genommen werden und sie wollen die Gesellschaft mitgestalten. Sie wollen an ihren Fähigkeiten gemessen werden und nicht an ihrer Behinderung.“

Nein das ist nicht so. Behinderte möchten einfach nicht auf ihre Behinderung reduziert werden, sondern auch mit ihren Stärken wahrgenommen werden. Sie sind sich ihrer Defizite, die sie haben bewusst, was aber nicht bedeutet, dass sie sich deswegen ausgegrenzt fühlen möchten. Sie möchten natürlich ernst genommen werden und die Gesellschaft mitgestalten, wieso sollten sie das auch nicht?

dermarcel schreibt weiter „ Werfen wir einen Blick in einschlägige Behindertenblogs, dann lesen wir vor allem Storys über behinderte Opfer. Wo finden wir die Beiträge über Behinderte, die was können?“

Ich weiß nicht welche „einschlägigen“ Blogs er liest, ich lese Blogs in denen aufgeklärt, informiert, aber auch angeprangert wird. Es werden Informationen weiter gegeben etwa bei Innerwelt was ein Meltdown, ein Shutdown oder ein Overload ist (vergleiche dazu: http://innerwelt.wordpress.com/2013/04/11/overload-melt-und-shutdown/) .Es wird angeprangert, dass Menschen mit angeblichen Wundermitteln geheilt werden könnten (http://unicorn1963.wordpress.com/2014/05/05/wieso-ich-meinem-sohn-niemals-mms-verabreichen-wurde/) oder sich Menschen deutlich in ihrer Wortwahl vergreifen (https://quergedachtes.wordpress.com/2014/09/22/wenn-autisten-ins-gas-sollen-und-twitter-das-nicht-juckt/). Und natürlich gehört es für jemanden, der über seine Behinderung bloggt auch dazu seine Defizite aufzuzeigen, aber auch seine Stärken. Was soll daran schlecht sein? Und warum muss ein Blogger, der sich selbst mit dem Thema Behinderung in welcher Form auch immer befasst dazu etwas besonderes können? Reicht es nicht aus, wenn man betroffen ist, Angehöriger oder Bekannter? Im Übrigen sollte man das nicht verteufeln, wenn man selbst schon über die eigenen Probleme geschrieben hat. dermarcel widerspricht sich in oben genanntem Artikel nämlich selbst, das alle behinderten nur ihre Defizite aufzeigen würden, wenn er gleichzeitig in seinem Artikel http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/587691/Behinderung-ist-scheisse-oder-wider-dem-Zwang-zur-Tapferkeit schreibt alle Behinderten würden nur ihre Stärken aufzeigen wollen und die Defizite zu nennen würde verteufelt werden.

Mich interessiert auch nicht, ob der Mainzer Landtag barrierefrei wird oder nicht und genauso wenig interessiert mich wie viele verschiedene Behindertenverbände es deutschlandweit gibt – es ist schade, dass es keinen Dachverband für alle Behindertenarten gibt ja das stimmt, aber wenn ich mich dafür nicht interessiere, muss ich es auch nicht lesen ;-).

In dem Artikel heißt es weiter „Nun haben Kinder und Behinderte bekanntlich Narrenfreiheit. Behinderte sagen immer die Wahrheit, sind immer brav und haben nie persönliche Interessen. Ihre Gegner sind immer böse, einfach schon deshalb, weil sie nicht wissen, dass Behinderte immer recht haben und man immer lieb zu ihnen sein muss, sonst kommt die Gedankenpolizei der Behindertenmagazine und facht die Empörungsglut an.“

Behinderte haben also Narrenfreiheit und immer Recht mit dem was sie sagen? Vermutlich bezieht sich dermarcel hier auch auf seinen letzten Artikel, in dem er den Satz „Ich bin nicht behindert, die Gesellschaft behindert mich“ kritisiert. Natürlich leistet die Gesellschaft viel für Behinderte, aber dass sie die Behinderten behindert zeigt sich in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens. Sei es die Schwierigkeit spontan als Rollstuhlfahrer mit der Bahn zu fahren oder die vielen Fachleute, die attestieren ein Mensch könne kein Autist sein, weil er Blickkontakt aufbauen und halten könne oder wenn vielen Kindern mit AD(H)S unterstellt wird sie seien einfach schlecht erzogen. Natürlich darf nicht jedes Verhalten mit der Behinderung erklärt werden (etwa sich selbst immer in den Mittelpunkt drängen zu wollen), aber das bedeutet auch nicht, dass der Mensch mit Behinderung deswegen eine Narrenfreiheit genießen würde – er möchte nur, dass auch seine Defizite berücksichtigt werden – genau wie ein Mensch, der keine Behinderung hat, aber Angst in engen Räumen es möchte.

Dazu schreibt dermarcel dann ergänzend „ Behinderte sind eine Masse, aber keine Kraft.“ Nein jeder Behinderte ist ein Individuum und dass es nicht den einen großen Dachverband gibt und auch nicht geben kann liegt schon alleine an der Vielzahl an existierenden Behinderungen. Wer würde behaupten können über jede dieser Behinderung alles nötige zu wissen? Aber in der für jede Behinderung sollte es einen Dachverband geben und nicht das Konkurrenzdenken zwischen einzelnen kleinen Verbänden.

Weiter heißt es „Behinderte sind hervorragend darin, die beleidigte Leberwurst zu spielen. (…) Wenn Silke Burmester ein wenig Kritik an Behinderten äußert, wird ihr vorgehalten, sie sei nicht behindert und dürfe sich daher nicht zur Inklusion äußern.“

Dass es kontraproduktiv ist jemanden vorzuhalten er könne sich nicht zur Inklusion zu Wort melden, weil er keine Behinderung hat, muss nicht diskutiert werden, denn das wäre keine Inklusion, sondern eine Exklusion. Das bedeutet aber nicht, dass sich jeder Behinderte bereitwillig in die Opferrolle ergibt („Sie haben die Rolle des Opfers ebenso bereitwillig angenommen wie die Behinderten von damals“), sondern lediglich, dass hier jemand mit Behinderung nicht kritikfähig ist und/oder aus welchen Gründen auch immer keine Inklusion möchte. Die meisten behinderten sind Kämpfer, die oft genug kämpfen müssen um ihre Rechte zu bekommen, die nicht auf ihre Schwächen reduziert werden möchten und die oft mehr Nervenstärke beweisen, als es viele Menschen ohne Behinderung könnten.

Es gibt zwar durchaus einige gute Kritikpunkte in dem Artikel, wie etwa die Inklusion betreffend, wenn da nicht der Titel wäre.

Den die Frage „warum Behinderte nerven“ impliziert, dass jeder Behinderte jeden gesunden Menschen nervt und das schürt Vorurteile auf beiden Seiten und verstärkt die zum Teil bereits bestehenden Barrieren in den Köpfen von vielen Menschen.

Ein an sich kritischer Artikel, dessen Autor vor dem Schreiben aber selbstkritischer mit seinen Textideen hätte sein sollen. Und dann zu implizieren, dass „Behinderte nerven“ das nervt viel mehr.

© S. Stolzenberg

PS: Dazu möchte ich gerne noch zwei weitere Blogs verlinken, nämlich von Erdlinkskunde (http://erdlingskunde.wordpress.com/2014/09/23/unheibar-gesund-ein-brief-an-den-marcel/) und Innerwelt (http://innerwelt.wordpress.com/2014/09/23/wir-nerven/).

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Published in: on 23. September 2014 at 23:36  Comments (7)  

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7 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Ich möchte für diesen Menschen nur hoffen, dass er niemals in die „Verlegenheit“ kommen wird, dass er sich in irgendeiner Form persönlich mit dem Thema Behinderung und/oder Krankheit auseinandersetzen muss.

    Und dass er sich mit den erwähnten Schwierigkeiten und Vorwürfen gegen die Eltern der Behinderten Kinder niemals konfrontriert sieht.

    Für mein Empfinden, deren Kinder ja alle behindert sind, werden dieserart Artikel meist von Menschen geschrieben, die sich in ihrer eigenen Wohlfühlatmosspähre gestört fühlen.. Dadurch, dass da Menschen etwas offen legen, was sie eigentlich nicht wissen wollen.

    Dazu hat Ismael ja den guten Ratschlag des „roten X“ gegeben. Es wird niemand gezwungen, die Blogs und Artikel zu lesen und sich damit zu befassen.

    • Hallo Anita, erst mal ist durch seinen vorhergegangenen Artikel erkenbar, dass es sich bei dem Verfasser selbst um einen Menschen mit Behinderung handelt, aber unabhängig davon finde ich zwar einige seiner Kritikpunkte berechtigt, aber eben nich tin der Form, in der er sie darstellt. Es wird niemand gezwungen einen solchen Artikel zu lesen, aber gerade solche provokanten Artikel verbreiten sich schnell im Netz und die aufgeführten Argumete werden dann oft auch gefährliche Weise verändert und übertragen und darum wollte ich darauf aufmerksam machen, dass man seine Kritikpunkte auch anders hätte benennen können.

      • Ich hatte den Artzikel bisher nur „quer“-gelesen, allerdings ist der Effekt solcher Artikel, dass zB Ämter eben gerade dann diese Argumentationskette nutzen und den betroffenen Kindern das Leben unnötig schwer machen.

      • Ja und genau darin besteht die Gefahr dieses Artikels.

  2. Eine Frage habe ich noch,

    ich habe es jetzt geschafft, mal die älteren Beiträge von derMarcel zu lesen. Nicht einer davon ist in irgendeiner Form popsitiv. Nicht ein einziger. Man kann auf der Seite nichts über den Autor erfahren. Man kann nur Rückschlüsse aus Texten ziehen, die sich aber inhaltlich durchaus zu widersprechen scheinen (mein persönlicher Eindruck).

    Kann man bei der SZ, die das Portal für diesen Auftritt bietet, eigentlich nachfragen, ob es sich um eine reale Person handelt oder nur um einen Provokateur, oder ob mehrere dort provokant schreiben.

    Mir erscheint diese Seite mehr als merkwürdig!

    • Das sich die Texte zum Teil widersprechen sehe ich genauso wie Du und jeder davon besteht vor allem in kritik, was dermarcel widerrum selbst bei anderen kritisiert (in seinem letzten Artikel). Ich habe den eindruck, dass diese plattform ähnlich wie Angebote von wordpress oder anderen Blogseiten zu verstehen ist, wo jeder schreiben kann was ihm/ihr gerade auf dem herzen liegt, was aber nicht weiter kontrolliert wird. Man könnte sicher versuchen über die E-Mail-Adresse info@jetzt.de mal nachzufragen, ob dermarcal eine reale Person ist oder nicht, aber ich vermute, dass man da keinerlei informationen erhalten würde…. es bleibt also nur mit Kommentaren (sofern man angemeldet ist) oder Blogs zu reagieren….

  3. […] Mit dem Artikel sind auch die direkt daran hängenden Kommentare verschwunden. Nur diejenigen Kommentare. die in eigenen Blogs veröffentlicht wurden, sind weiterhin im Netz zu finden – z.B. bei Sabrina Stolzenberg. […]


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