Missbrauch als Therapie?

Ich habe über eine Therapiesituation gelesen, die mich dazu veranlasst hat diesen Blog zu schreiben und zwar ist folgendes passiert:

Eine Mama war mit ihrem 2,5 Jahre alten Sohn, der Autist ist, in einer Therapiestunde und die Therapeutin hat mit dem Jungen gepuzzelt. Der Junge hatte keine Lust mehr zu puzzeln und wollte zum Fenster gehen, doch die Therapeutin wollte, dass er erst aufräumt. Der Junge wollte an ihr vorbeilaufen und sie nahm ihn am Arm, zog ihn auf ihren Schoß, sagte ihm er müsse aufräumen und hielt ihn fest, so dass er nicht aus der Situation kommen konnte. Er schrie, weinte und wollte zu seiner Mutter, die versuchte zu intervenieren. Die Therapeutin streichelte dem Jungen über den Kopf, erklärte dem Jungen weiterhin er müsse aufräumen und sagte sie könne seine Wut verstehen. Sie hörte der Mutter gar nicht zu und erklärte sich damit, dass der Junge desensibilisiert werden müsse, man auch in diesem Alter schon damit beginnen sollte die Kinder zu führen und sie arbeite nach der Affoltertherapie.

Einige mögen sagen, dass das eine gute Art war zu reagieren und hätte sie dem Jungen gegenüber „nur“ das Gefühl benannt, dass er hatte, hätte ihm etwas Zeit gegeben und vielleicht auch wirklich nach der Affolttherapie gehandelt ( bei der es um Anleitung durch Führung geht (hier nachzulesen:http://www.deutsche-therapeutenauskunft.de/therapeuten/ergotherapie/therapieformen-der-ergotherapie/affolter/ )) wäre es sicher gut gewesen. Sie hat es auch sicherlich gut gemeint, aber gut gemeint ist nicht gleichbedeutend mit gut gemacht und gut gelöst wurde diese Situation nicht.

Denn: Bevor ich als Therapeutin ein Kind zu mir nehmen und auf meinen Schoß setzten kann (vom festhalten mal ganz abgesehen), muss ich überlegen, ob das autistische Kind Körperkontakt zulässt, da für viele Autisten Körperkontakt schmerzhaft sein kann. Eine leichte Berührung kann so schmerzhaft sein wie ein Nadelstich und das würde man keinem Kind zumuten wollen, aber unabhängig vom Autismus ist Körperkontakt in welcher Form auch immer etwas Intimes und sollte von beiden Seiten akzeptiert sein. Darauf ist die Therapeutin jedoch nicht eingegangen, denn der Junge lässt Körperkontakt zu, aber nur dann wenn er von ihm ausgeht.

Nicht gut gelöst ist diese Situation auch deswegen, weil sie nicht nach der Affolterthreapie gehandelt hat, sondern die Festhaltetherapie angewendet hat (eine Therapieform, bei der durch intensives, aggressionsloses Festhalten versucht wird, Widerstände abzubauen. Vergleiche dazu http://www.hilfreich.de/festhaltetherapie-therapie-zur-aggressionsbefreiung_6194) )vor der ausdrücklich gewarnt wird (http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/gesundheit/und-bist-du-nicht-willig/553396.html).

Weiterhin stellt die Festhaltetherapie eine Grenzverletzung dar, da das Kind keinerlei Chance hat sich aus der Situation zu befreien und damit ist es ein physischer Missbrauch des Kindes, denn zum physischen Missbrauch gehören Schlagen, Würgen, Ohrfeigen, jem. Verbrennungen zufügen, Schuppsen, Waffengebrauch, jem. körperlich Einschränken, jemanden wissentlich an der Befriedigung der Grundbedürfnisse (Nahrungsaufnahme, Schlaf, medizinische Versorgung etc) hindern (Quelle hierzu: http://www.borderline-selbsthilfe.de/Index/Informatives/Missbrauch/missbrauch.html vergleiche dazu https://sabrinastolzenberg.wordpress.com/2012/02/25/%E2%80%9Ebleiben-missbrauchsopfer-ihr-leben-lang-opfer-oder-%E2%80%9Ewieso-aufklarung-so-wichtig-ist/) und das kann unter anderem zu einen sehr geringen Selbstwertgefühl, Depressionen, Autoaggressionen und vielen anderen psychischen Folgen führen. Außerdem gibt es in der Prävention zum Kinderschutz den sehr wichtigen Satz „Dein Körper gehört Dir“. Dieses Recht der Selbstbestimmung wird einem Kind bei der Festhaltetherapie jedoch verwehrt!

Das Kind, dass einer Festhaltetherapie ausgesetzt ist, ist nicht „nur“ ein Missbrauchsopfer, sondern wird darauf konditioniert, dass unerwünschtes Verhalten damit bestraft wird, dass es körperlich massiv eingeschränkt wird und wird es nur deswegen unterlassen, nicht aber weil es verstanden hat (in dem Beispiel), dass es aufräumen soll.

Bei einem Kind, das Körperkontakt zulässt (nicht auf die beschriebene Situation anwendbar) wäre eine einfache und effektivere Lösung gewesen das Kind zu sich zu nehmen, zu erklären, das gemeinsam aufgeräumt wird und man dann zusammen ein bisschen aus dem Fenster schauen kann, wobei das Kind sanft gehalten wird, sich aber aus dem Griff der Therapeutin lösen kann. Wenn das Kind das nicht annimmt, könnte man ihm erst mal etwas Zeit lassen und dann nochmal da ansetzten.

Besser jedoch noch – insbesondere, wenn das Kind keinen Körperkontakt möchte: Dem Kind eine kleine Pause zugestehen und dann versuchen gemeinsam mit ihm aufzuräumen, es vielleicht auch spielerisch versuchen (etwa guck mal da fliegen die Puzzleteile in das Puzzle wie kleine Flugzeuge) oder dem Kind anbieten, dass nach dem gemeinsamen aufräumen noch etwas Schönes gemacht werden kann (singen, ein Buch ansehen,…).

In diesem Sinne hoffe ich, dass Therapeuten nicht nur möchten, dass Eltern deren Ratschläge annehmen, sondern auch dazu breit sind die Tipps, Erläuterungen und Anregungen der Eltern aufzugreifen, da diese ihre Kinder am besten kennen und dem Jungen aus der Situation wünsche ich von Herzen, wenn er keine andere Therapeutin bekommen sollte, dass diese Therapeutin die Erläuterungen der Eltern annimmt und das Kind nicht mehr versucht zu „desensibilisieren“, sondern auf die Bedürfnisse des Kindes eingeht, da sie zum Ende der Therapiestunde etwas einlenkte…

Ich möchte aber auch noch auf weitere Blogs verweisen, die wegen der geschilderten Situation entstanden sind. Diese sind bei Erdlingskunde http://erdlingskunde.wordpress.com/2014/10/15/das-wissen-liegt-auf-der-strase-rw/, beim Butterblumenland http://butterblumenland.wordpress.com/2014/10/15/beruhrungen-und-korperkontakt/ und bei Autzeit http://autzeit.wordpress.com/2014/10/16/ich-halt-dich-fest-bis-du-aufhorst/.

© S. Stolzenberg

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Published in: on 16. Oktober 2014 at 23:26  Comments (3)  

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3 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. […] Manche Therapeuten glauben zudem, dass die Abneigung von Autisten gegenüber Berührungen ‘desensibilisiert‘ werden könnte, in dem man sie zwangsweise daran gewöhnt berührt und umarmt zu […]

    • Wobei dieser Zwang eher dazu führt den Autisten zu traumatisieren 😦


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