Warum gesetzlich festgelegte Inklusion unnötig ist

Erst aber mal:
Was ist denn Inklusion?

Inklusion heißt wörtlich übersetzt Zugehörigkeit, also das Gegenteil von Ausgrenzung. Wenn jeder Mensch – mit oder ohne Behinderung – überall dabei sein kann, in der Schule, am Arbeitsplatz, im Wohnviertel, in der Freizeit, dann ist das gelungene Inklusion. (vergleiche dazu: https://www.aktion-mensch.de/themen-informieren-und-diskutieren/was-ist-inklusion?et_cid=28&et_lid=86206)

Viele Menschen mit Handicap und deren Angehörige fordern Inklusion und es ist auch gesetzlich festgelegt (Inklusion ist ein Menschenrecht, das in der UN-Behindertenrechtskonvention festgeschrieben ist) und Deutschland fordert diese auch ein. Zum einen verständlich, wenn man bedenkt, dass Inklusion noch lange nicht in der Realität von Menschen mit einem Handicap angekommen ist, zum anderen dennoch eigentlich unnötig.

Verständlich ist es zum Beispiel, wenn Eltern behinderter Kinder angefeindet werden (etwa die Kinder seien schlecht erzogen, weil sie keine persönlichen Grenzen tolerieren, vielleicht aber in Wahrheit geistig behindert oder autistisch sind), wenn Eltern für die Rechte ihrer Kinder (etwa Nachteilsausgleiche in den Schulen) kämpfen müssen oder das Wort „Behinderter“ immer noch als Schimpfwort verwendet wird. Ich kann es auch verstehen, wenn die Bundesregierung dieses Recht umsetzten will, aber dazu bedarf es auch Schulungen, finanziellen Mitteln, die dann auch zur Verfügung gestellt werden müssen und dennoch der Überlegung nicht wegen der Inklusion einfach mal Förderschulen, integrative Kindergärten und heilpädagogische Einrichtungen zu schließen, um nur ein paar Dinge zu nennen.

Aber: eine gesetzlich festgelegte Inklusion kann nie so funktionieren wie eine freiwillige, denn: im Endeffekt fehlen mittel, Personal, dass vorher nicht mit Menschen mit Handicap gearbeitet hat muss auf einmal mit diesen Menschen umgehen können und deren Bedürfnisse berücksichtigen ohne wirklich zu wissen wie, es fehlt an Material, an Rückzugsorten für Menschen mit Handicap, die da nötig haben und oft schon an Barrierefreiheit in der Form, dass Sprach-, Seh- und Hörbehinderungen schlichtweg vergessen werden oder die nötigen Hilfsmittel fehlen. Es läuft darauf hinaus, dass es eigentlich nur zu einer wörtlich verstandenen Toleranz kommt, also dem dulden fremder Verhaltensweisen (vergleiche dazu http://definition-online.de/toleranz/).

Eine freiwillig geschaffene Inklusion jedoch berücksichtigt die fragen welche Hilfsmittel, finanziellen Mittel, Schulungen, Räumlichkeiten sind nötig, setzt diese um und dann erst wird von Inklusion gesprochen – nicht wenn es halbfertig ist.

Doch: Warum der Gedanke, dass Inklusion gar nicht gesetzlich geregelt sein müsste?

Ganz einfach:

Jeder Mensch ist zu einer bestimmten Zeit seines Lebens behindert, wenn man nach der Definition des Sozialgesetzbuches geht.
Denn:
Die Definition von Behinderung nach §2 Absatz 1 Sozialgesetzbuch IX lautet: „Menschen sind behindert, wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweicht und daher ihre Teilhabe am Leben der Gesellschaft beeinträchtigt ist.”

Das bedeutet ein Kind, dass gerade erst geboren ist, ist, wenn man die Definition weiter fasst (und den für das Lebensalter tyoischen Zustand weg lässt) behindert. Nämlich geh- seh- sprach- und sinnesbehindert. Es kann sich noch nicht selbstständig fortbewegen, kaum sehen, nicht sprechen, schlecht hören (im wörtlichen Sinn, nicht im übertragenen). Es muss erst lernen wie es sich vorwärts bewegt, wie es spricht, isst, sieht und vieles mehr. Ein Mensch im hohen Alter wird aber mit Sicherheit der genauen Definition entsprechen eine Behinderung erleiden. Sei es eine Körperbehinderung (wie eine Gehbehinderung, eine gestige oder seelische Behinderung. Und selbst wenn man das Kindsalter außen vorlässt ist somit jeder Mensch in hohem Alter in welcher Form auch immer einer Behinderung ausgesetzt.

Unabhängig davon gibt es aber auch Behinderungen, die viele gar nicht als solche definieren würden: Ein Brillenträger etwa ist sehbehindert (wenn auch nur sehr eingeschränkt), Menschen mit einem Hörgerät sind hörbehindert (also sinnesbehindert), aber diese Menschen erleben meist inklusion, weil ihnen und den meisten Menschen der Gesellschaft gar nicht bewust ist, dass diese Menschen behindert sind.

Führen wir den Gedanken, dass jeder Mensch zu einer gewissen Zeit seines Lebens behindert ist aber mal weiter ist jeder Mensch in einer gewissen Zeit (in der er behindert ist) dankbar, wenn er nicht von der Gesellschaft ausgeschlossen ist (Exklusion), sondern zu ihr zugehörig (Inklusion) und man sollte doch auch immer nach dem Gedanken leben „Was Du nicht willst, das man Dir tut, das füg auch keinem anderen zu“. Also sollte es doch gewollt sein Menschen, die nicht nur zeitweise, sondern dauerhaft behindert sind in die Gesellschaft zu integrieren, statt sie auszuschließen.

In diesem Sinne: Auf, dass die Inklusion auch mal im Alltag aller Menschen ankommen möge.

Noch ein kleiner Hinweis: Dazu würde ich gerne noch auf meinen Blog https://sabrinastolzenberg.wordpress.com/2013/01/19/leben-mit-behinderung-oder-ein-text-der-zum-nachdenken-anregen-soll/ hinweisen, der diesen Gedanken (wenn auch noch nicht so detailliert ) behandelt.

© S. Stolzenberg

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Published in: on 30. November 2014 at 00:47  Comments (6)  

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6 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Interessanter Ansatz.

    Du hast aber schon bei deiner Definition von Behinderung einen Denkfehler 😉 Du hast den wichtigen Teil „von dem für das Lebensalter typischen Zustand“ überlesen. Nach dieser Definition ist ein Neugeborenes nicht behindert, weil ja alle Neugeborenen erst sehen, sprechen, gehen lernen müssen.
    Dass ältere Menschen mit hoher Wahrscheinlichkeit irgendwann eine Behinderung haben werden, da hast du völlig recht. Und was passiert mit diesen älteren Menschen? Richtig, sie werden separiert.

    Es wäre schön, wenn Inklusion selbstverständlich sein würde. Aber diese Gesellschaft hat doch gar keine Vorstellung davon, wie ein selbstverständliches Miteinander aussehen könnte. Generationenlang wurden Menschen mit Behinderung separiert, versteckt gehalten oder sogar getötet. Dieses Denken, die Angst vor dem „Anderen“ ist tief verwurzelt.

    Ich denke, dass es den gesetzlichen Weg braucht. Wenn wir auf Freiwilligkeit setzen würden, wäre es in 50 Jahren noch so wie heute. Inklusion entsteht beim Machen. Erst wer inklusiv aufwächst, wird selbstverständlich mit Menschen mit Behinderung umgehen können. Das ist traurig. Übrigens bin ich mit der staatlichen Umsetzung von Inklusion nicht einverstanden. Weil es eben keine Inklusion ist sondern nur eine verschlimmbesserte Form von Integration.

  2. Ja da bin ich gerade schon drauf hingewiesen worden Butterblumenland – das schreib ich gerade mal um 😀 bei allem anderen stimme ich mit Dir überein 😉

  3. Inklusion sollte eine Selbstverständlichkeit sein.

    Ist es aber nicht.

    Gerade die erwähnten „Alten“, die aufgrund Lebensalter und Erkrankungen eine Behinderung erwerben werden aktiv von der Gesellschaft gewollt ausgegliedert.

    Es ist NICHT der „norm“al Zustand, dass man die „Alten“ im Familienleben dabei hat. Gerade wenn sie krank und anstrengend werden.

    Man wird auch hierfür, wenn man denn die Pflege und Versorgung übernimmt, häufig merkwürdig betrachtet.

    Was einfacher ist, dass man dem alten Menschen mit etwas mehr Respekt begegnet, als behinderten Kindern, Jugendlichen und jungen Menschen.

    „Die“ Gesellschaft geht davon aus, dass bei alten Menschen es dem Alter entspricht und bei den anderen irgendwie jemand daran Schuld hat.

    Und Inklusion wird erst gelingen, wenn man die Menschen dazu aufruft, mit zu tun. Es zu leben! Nur die, welche von Kindheit an daran gewöhnt sind, Rücksicht zu nehmen, sich zurück zu nehmen, den anderen Sein zu lassen und zu unterstützen, werden Inklusion als Gewohnheit als normal empfinden.

    Und leider ist unsere Gesellschaft in den letzten 100 Jahren davon ab gekommen, genau dieses zu leben. Also braucht es leider das Gesetz.

    Damit vor allem Erzieher und Lehrer nicht mehr damit argumentieren können, alles wäre zu anstrengend und zu individuell. Dies gilt im weiteren dann selbstverständlich auch für Betriebe, die entsprechende Arbeitsplätze bereitstellen.

    Und auch Ärzte müssen diesbezgl. noch sehr viel lernen.

    LG Anita

    • Es war auch eher von der ethischen Seite her gedacht Anita 🙂 Dass sie Realität leider ganz anders aussieht, erleben wir alle tagtäglich 😉


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