Wenn Unverständnis und Angst zu Wut und Ausgrenzung und dann auch zu Gewalt führen…

Beispiele dafür gibt es sehr viele in der Geschichte. Sei es die Inquisition oder auch die Judenverfolgung und deren Massenmord im zweiten Weltkrieg. Andere Beispiele sind die Elektrotherapie bei Behinderten oder deren Zwangssterilisation.

Doch haben wir etwas aus der Geschichte gelernt? Bei den meisten Menschen muss diese Frage wohl mit nein beantworten werden.

Ich schreibe in diesem Text über zwei Missstände, die durch Angst und Unverständnis hervor gerufen werden und gegen die ich mich – wie zum Glück auch viele andere – einsetzte.

1. ABA und MMS

ABA (Applied Behavior Analysis) ist eine Konditionierung, bei der das autistische Kind mittels positiver und negativer Verstärkung dazu gebracht werden soll sich in dem größtmöglichen Maß an die nicht-autistische Welt anzupassen, wobei keinerlei Rücksicht darauf genommen wird wie sehr es das Kind anstrengt sich so zu anzupassen. Das Kind wird dazu gezwungen sich zu verändern, damit es die Eltern, das Fachpersonal, das mit dem Kind arbeitet,… leichter haben mit dem Kind umzugehen – eine Veränderung dieser Personen für eine Vereinfachung für das Kind in einer im fremden Welt zurecht zu kommen kommt dabei nicht in Betracht.

Aber: Wenn man sich dessen bewusst ist oder darüber informiert wird, dass es dem Kind schadet, es nicht es selbst sein darf und es bei 30-40 Therapiestunden in der Woche keinerlei Freizeit mehr genießen darf, warum tut man das dann?

Die Antwort ist einfach: Man möchte nicht wahr haben, dass das Kind behindert ist, immer wieder Schwierigkeiten im alltäglichen Leben haben wird, immer wieder auffällt. Man kann sich nicht mit der Diagnose abfinden, hat Zukunftsängste und sucht nach Lösungen, landet aber den falschen. Leider werden immer wieder ABA-Therapien angeboten und verzweifelte Eltern nehmen dieses Angebot gerne war. Den wenigsten ist dabei bewusst, dass es ihren Kindern schadet, aber sie sind oft auch beratungs- und informationsresistent. Sie reden sich die Therapie schön und wollen nicht wahr haben, dass die Kinder darunter leiden, weil sie ja mit machen, Fortschritte erzielen und es dadurch scheinbar einfacher im Leben haben, aber diese Kinderlernen nicht was ihnen da beigebracht wird.

Diese Kinder lernen nur eines: Wenn ich tue, was von mir verlangt wird, werde ich gelobt, erhalte ich positive Verstärker (Tokens), wird nicht mit mir geschimpft, wird mir nichts genommen.

Es gibt andere Wege es den Kindern leichter zu machen, etwa in denen man mit ihnen zusammen spielerisch Wege findet, damit sie Fortschritte machen, indem man den TEACCH-Ansatz oder Aspekte des Tripple P Programms nutzt.

Leider wird ABA aber auch von vielen Praxen (und auch der Aktion Mensch) unterstützt, weil es eine so große Nachfrage gibt; es wird nicht im Sinne der Kinder, sondern im Sinne der Eltern gehandelt.

Ich würde mir hier wünschen, dass es mehr Institutionen, Verbände, Autismuszentren, Praxen,… gäbe, die informieren würden wie sehr ABA schadet und wie man seinem Kind besser helfen könnte.

Noch mal schlimmer ist MMS (Miracle Mineral Supplement). Es enthält die Chemikalie Natriumchlorit ( (NAClO2) – nicht zu verwechseln mit Natriumchlorid, Kochsalz). Wird Natriumchlorit in Wasser gelöst und mit einer Säure (z.B. Zitronensäure, Fruchtsäure aus Säften oder Essig) vermischt, bildet sich das als “sehr giftig”, “ätzend”, “umweltgefährlich” und “brandfördernd” eingestufte Chlordioxid. Diese Substanz wird normalerweise als Desinfektionsmittel bei der industriellen Wasseraufbereitung und als Bleichmittel für Textilien eingesetzt. Jedoch wird MMs als vermeintliches Wundermittel unter der Bezeichnung Nahrungsergänzungsmittel vertrieben und kann angeblich unter anderem Krebs, ADHS und Autismus heilen. Die Anwendung kann zu erheblichen Gesundheitsgefahren führen. Die Behörden warnen vor schwerwiegenden Folgen durch die orale Einnahme dieser Tropfen: Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Nierenversagen, schwere Darmschädigungen und Blutdruckabfall.

Doch warum tun Eltern ihren Kindern das an?

Ganz einfach: Auch sind es das Unverständnis was den die Diagnose eigentlich bedeutet, eine Hilflosigkeit, weil man die Diagnose nicht akzeptieren kann, Zukunftsängste und vielleicht auch Schuldgefühle, da so weit bekannt ist Autismus genetisch ist und damit vererbbar sein dürfte.

Diesen Eltern wird suggeriert, das Kind sei wegen Darmbakterien autistisch und diese Bakterien könnten durch MMS aus dem Körper gespült werden, wodurch das Kind geheilt werde. Allerdings ist es nachgewiesen, dass Autismus nicht mit Bakterien im Zusammenhang steht und die Gefahr durch MMS ist auch nachgewiesen. Aber die Angst dieser Eltern ist so enorm groß, dass sie diese Gefahren für ihre Kinder nicht wahr haben wollen und als Mythen abtun.

Auch hier kann ich nur davor warnen und hoffe, dass es auch in Praxen, Autismuszentren, Institutionen vermehrt davor gewarnt würde.

2. Asylbewerber

Das Deutschland bereits sehr viele Asylbewerber aufgenommen hat und mittlerweile zunehmend Probleme dabei hat diese vernünftig unterzubringen ist bekannt und ein Zustand, der verärgern mag, da für deren Unterbringung zunehmend auch Schulen oder andere eigentlich genutzte Gebäude verwendet werden. Dazu kommt dann noch eine wirtschaftliche Situation durch die viele Familien auch staatliche Leistungen oder mehrere Jobs angewiesen sind, weil das Geld sonst nicht reicht. Es gibt eine hohe Altersarmut, eine hohe Arbeitslosigkeit und eine hohe Kriminalitätsrate. Da sucht man einen Schuldigen, der in den Asylbewerber schnell gefunden ist, da diese und scheinbar die Arbeitsplätze weg nehmen, stattliche Leistungen beziehen ohne etwas dafür zu tun, und es ja eh kaum noch Platz für sie gibt. Also sollte Deutschland doch bitte keine weiteren Asylbewerber aufnehmen, auch damit es nicht zu noch mehr kriminellen Handlungen komme.

Warum reden aber viele Deutsche so (sicher wird so auch in anderen Ländern reagiert, aber ich nehme jetzt „nur“ mal mein Heimatland als Beispiel)?
Sollte man diesen Menschen nicht auch ein Minimum an Lebensqualität zugestehen?
Die Antwort darauf ist eine einfache: Die Menschen sehen ihre eigene Situation. Sie haben wenig Geld, vielleicht einen schlecht bezahlten Job, vielleicht mehrere oder gar keinen. Das Geld ist immer sehr knapp und die Preise für Strom, Wasser, Lebensmittel steigen von Jahr zu Jahr an. Sie haben Zukunftsängste. Denn früher war ja alles besser (sicher nicht, aber es scheint oft so).
Wenn dann noch weitere Menschen im Land aufgenommen werden verschlechtern sich die Möglichkeiten, die diese Menschen haben etwas zu verändern scheinbar rapide und so kämpfen sie gegen Asylbewerber an.

Aber: Statt gegen die Asylbewerber anzukämpfen, Wege zu Flüchtlingsunterkunften durch Straßensperren unpassierbar machen zu wollen oder diese sogar anzuzünden, sollte man sich doch lieber gegen die Ursachen der großen Flüchtlingswellen einsetzten und nicht gegen die Menschen. Und man sollte auch mal folgendes bedenken: Was wäre wenn wir Deutschen mal flüchten müssten und andere Ländern, in die wir fliehen könnten uns aus Angst, Unverständnis und Wut über die politische Situation im eigenen Land die Aufnahme verweigern würden? Würden wir dann immer noch so denken und handeln?

Ich würde mir generell von unserer Gesellschaft mehr Offenheit, mehr Mut sich zu informieren, mehr Toleranz und Akzeptanz wünschen, aber auch mehr Engagement, um Missstände aufzudecken und dagegen vorzugehen. Ich danke jedem, der sich gegen diese und andere Missstände einsetzt und es so ein kleines bisschen wahrscheinlicher macht, dass diese Hoffnung kein Wunschtraum bleibt.

© S. Stolzenberg

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  1. […] den ich hier gerne verlinke . Ich habe unter anderem zur Flüchtlingskrise und Pegida auch etwas geschrieben […]


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