Karneval oder die Entscheidung zwischen Inklusion und Exklusion

An Karneval standen verschieden Möglichkeiten zu feiern als Möglichkeiten an – einige ließen wir mit ein wenig Bauchschmerzen geschehen, andere ließen wir aus, auf andere freuten wir uns sehr, aber der Reihe nach.

Für Altweiberdonnerstag war in der Schule unseres Wildfangs eine Karnevalsfeier für alle Kinder der Schule in der Turnhalle geplant, zu der gebeten wurde die Kinder unserer Klasse als „Sommerurlauber“ mit Sommer-T-Shirt und kurzer Hose zu verkleiden. Wir probierten also noch am Vorabend, ob eine dickere Jogginghose unter die kurze Hose passen würde, da wir fanden eine Strumpfhose wäre zu kalt und erklärten unserem Schatz – wie bereits in den Tagen zuvor -, dass morgen in der Schule Karneval gefeiert würde. Er war deswegen so fröhlich, aber auch aufgeregt, dass er nun andauernd in der Nacht wach wurde. Erst gegen 1 Uhr und blieb bis 2 Uhr wach, dann nochmal gegen 4 Uhr, und nochmal um 5.30 Uhr. Dazwischen schlief er, war aber natürlich um 6.45 Uhr, als er aufstehen musste, entsprechend müde, freute sich aber auch sehr auf die anstehende Feier. So stand ich zum ersten mal vor der Entscheidung, ob ich unseren Schatz zur Schule lassen und ihn damit inkludieren oder ihn lieber zu Hause halten und damit ausschließen, also exkludieren sollte. Mit viel Bauchweh und der Sorge, ob ich ihn damit nicht überfordern würde, entschied ich mich dazu ihn zur Schule fahren zu lassen, wobei die Kostümidee zwar gut klappte, aber leider immer noch etwas kühl für unseren Schatz war… Ich rechnete aber stetig damit, dass das Telefon klingeln würde ich solle ihn abholen, weil er zu müde und deswegen zu aufgedreht, albern, frech sei. Das geschah nicht und mein und ich dachten schon es habe gut geklappt. War es so?  Seine Busbegleitung an dem Tag (die wechseln fast täglich) sah es scheinbar nicht so (wobei sie mit unserem Wildfang – eben weil er einer ist – sehr ungeduldig ist – sie mag es zum Beispiel nicht, wenn er vorläuft vom Bus zur Haustüre….). Sie sagte unser Sonnenschein hätte einen sehr frechen Tag gehabt – unser „Frechdachs“ sagte aber er habe sich gut benommen und sei nicht frech gewesen. Also nachfragen- im Mitteilungsheft fragte ich also wie den der Tag nun geklappt hätte… unser Wildfang war aber nach der kurzen Nacht und dem anstrengenden Schultag verständlicherweise sehr müde und brauchte erst mal einen Mittagsschlaf nach langer Zeit mal wieder.

Am Freitag sollte dann in der Klasse eine kleine Karnevalsfeier sein und wieder erklärten wir unserem Sonnenschein das vorab, der sich sehr freute, diesmal aber zum Glück gut ein und durchschlafen konnte, weil er nicht mehr so aufgeregt war – am Donnerstag war es ja auch die erste Karnevalsfeier in der Schule für ihn; da wusste er ja nicht, was auf ihn zukommen würde. Er durfte ihn einem selbst gewählten Kostüm zur Schule, hatte aber keine Idee, Mama zuerst aber auch nicht, da seine anderen Kostüme für drinnen sehr warm sind, da er schnell schwitzt und die Kostüme für draußen gekaut wurden. Diese sind sehr warm, weil sie aus dickem Kunstfell hergestellt wurden. Also musste eine Idee her. Mama kam dann aber doch noch eine Idee und so ging unser Frechdachs mit Mamas Jacket und einer dunklen Jeans als „Geschäftsmann“ verkleidet zur Schule. Mama war gespannt wie es geklappt haben würde. Im Mitteilungsheft war dann mittags für uns nachzulesen, dass es am Vortag und am Freitag sehr gut geklappt hat, unser Sonnenschein nicht auffällig war, sich toll benommen hatte und viel Spaß hatte – da war es dann wohl der Ungeduld der Busbegleitung geschuldet, dass sie am Vortag von einem frechen Tag gesprochen hatte…. Schade, denn auch so kann man Kinder ausschließen 😦 .
Ich werde das bei der Dame beobachten und gegebenenfalls mal bei ihrem Chef ansprechen.

Der Samstag hätte zwar auch im näheren Umkreis Karnevalsfeiern und –züge geboten, aber eigentlich war angedacht, dass wir zu einer Reiterin fahren würden, die kostenlos Zeit mit ihrem Pferd anbietet. Das hätte an diesem Tag aber leider zeitlich nicht geklappt, da es für unseren Wildfang zu spät geworden wäre – sie konnte erst ab nachmittags. Nun gut –also eine andere Tagesplanung überlegen… Da unser kleiner Wildfang eigentlich eine hohen Bewegungsdrang hat, fragten wir ihn, ob er Lust hätte spazieren zu gehen, aber die beiden Tage mit den Karnevalsfeiern hatten ihn doch mehr geschafft, als wir dachten, so dass er sehr müde war und keine Lust hatte. Wir gestalteten den Tag also ruhig mit Spielen, kuscheln und fernsehen und er machte auch einen Mittagsschlaf.

Am Sonntag war dann klar wir würden, wenn das Wetter mitspielen würde, in die Nachbarstadt zum Karnevalszug fahren – wie bisher jedes Jahr – und unser Sonnenschein freute sich auch sehr darauf. Anfangs sah es nicht so gut aus, aber es wurde doch noch sehr schön und da meine Eltern meist auch zu den Zügen in unserer Nähe fahren, fragten wir sie, ob sie uns begleiten wollte, was sie dann auch taten. Das Opa und Oma dabei waren, freute unseren Schatz natürlich noch mehr und er hatte richtig gute Laune. Er tanzte, sang und sammelte viele Bonbons, fragte dann aber als über die Hälfte des Zugs schon vorbei war auf einmal, ob wir „nach Hause“ fahren würden. Da war er wieder der Zwang zur Entscheidung. Direkt nachgeben und nach Hause fahren, also Exklusion oder erst mal mit Hilfen versuchen zu bleiben und damit Inklusion. Da sich unser Schatz aber auch manchmal unterschätzt und nicht „nur“ wegen einer Überforderung nach Hause möchte, sondern auch, wenn er eigentlich nur eine Pause braucht, schlugen wir ihm vor, dass er sich erst mal ausruhen (hinsetzten) könne und wir dann entscheiden könnte, ob wir doch nach Hause fahren müssten. Es klappte. Er setzte sich immer mal wieder hin, ruhte sich etwas abgelegen vom Karnevalszug aus, wo es auch ein wenig ruhiger war und kam nach wenigen Minuten zurück, um sich weiter den Zug anschauen zu können. Nachdem der Zug durchgelaufen war, reichte es unserem Wildfang dann aber auch (ein Jahr sind wir mal an zwei Stellen gucken gegangen) und er sagte uns deutlich, dass er “zu Oma und Opa nach Hause“ fahren wollte, um zur Ruhe zu kommen. Das taten wir dann auch und dort angekommen holte er sich dann seine Bälle, mit denen er gerne spielt, weil diese ihm helfen „runter“ zu kommen 🙂 . Meine Mama hatte für den Tag eigentlich eine Gemüsesuppe gemacht, da unser Schatz zur Zeit aber keine Suppen mag (ich vermute mal, dass das an seiner Wahrnehmungsstörung liegt, da feste Dinge in einer Flüssigkeit sind), hat er dann ein anderes Essen bekommen und wir haben die Suppe gegessen (die sehr lecker war). Unser Schatz hat dann noch etwas mit seinen Bällen gespielt und wir haben noch was gequatscht. Am frühen Abend sind wir dann nach Hause gefahren und haben unseren Schatz ausnahmsweise im Schlafzimmer schlafen lassen, da es draußen stürmisch war und ihm das Angst macht.

Als ich abends im Internet in einem sozialen Netzwerk darüber berichtete, freuten sich viel mit uns, aber ich wurde auch darauf hingewiesen, dass wir doch viel mit unserem Schatz unternehmen würde und es gab die Frage, ob wir nicht manchmal Angst hätten unseren Sonnenschein zu überfordern. Doch das tun wir uns zwar ständig. Wir stehen immer wieder an dem Punkt, an dem wir zwischen Inklusion und Exklusion wählen müssen. Unser Schatz macht zwar viele Ausflüge mit, liebt diese auch und freut sich jedes Mal, wenn wir wieder einen Ausflug mit ihm vor haben, aber dennoch ist da die Frage, ob es nicht doch zu viel werden könnte. Jeder Ausflug ist nämlich natürlich auch geprägt von vielen verschiedenen Eindrücken, vielen Reizen und was an „guten Tagen“ klappt, kann an einem „schlechten Tag zur Überforderung führen. Ich muss dazu sagen, dass unser Schatz einiges mitmacht, was andere Autisten schon völlig überfordern würde, aber eben nicht alles gesellschaftskonform und wenn er dann noch neben den vielen anderen Eindrücken damit umgehen muss, dass er für sein Verhalten getadelt wird (denn auch das ist uns schon passiert), kann es an schweren Tagen besonders schlimm für ihn sein. Dazu passt auch gut der Artikel „In einem anderen Leben“.

Auf den Rosenmontag freuen wir uns eigentlich immer besonders, weil unser Schatz, wie ich auch, ein Karnevalsjeck ist und dann bei uns im Ort (vormittags) und anschließend im Nachbarort Karnevalszüge sind. Es ist zwar immer ein anstrengender Tag, der viel Kraft kostet – besonders unseren Süßen, aber das nehmen wir für den Spaß gerne in Kauf. Diese Jahr aber nicht, da wegen einer Sturmwarnung beide Züge abgesagt wurden 😦 . Diese sollen zwar nachgeholt werden, aber die Enttäuschung unseres Schatzes dürfte dennoch nachvollziehbar sein (und meine auch). Selbst das Versprechen am, nächsten Tag zu einem anderen Karnevalszug ein paar Städte weiter zu fahren, die Idee seine Lieblingsspiele zu spielen, viel zu kuscheln, fernzusehen und so zumindest über das Fernsehen den Kölner Zug sehen zu können halfen da nicht – nicht mal der Spontanbesuch meiner Eltern freute ihn richtig 😦 . Die Enttäuschung war einfach zu groß, aber dafür wollte er viel kuscheln ♥ .

Am Veilchendienstag war dann die Vorfreude unseres Sonnenscheins entsprechend groß, weil wir ihm ja versprochen hatten zum Karnevalszug zu gehen, aber davon waren wir gar nicht mehr so begeistert, weil es pausenlos regnete, teils auch ziemlich stark. Insbesondere mein Mann war auch sehr besorgt, dass unser Schatz wegen des Wetters vielleicht krank werden könnte und dadurch versuchte ihn zu überreden dann doch lieber zu Hause zu bleiben, so dass wir wieder mal vor der Entscheidung standen. Ex- oder Inklusion? Da wir ihm aber eine weitere Enttäuschung ersparen wollten zogen wir uns dick an und fuhren los, wobei mein Mann unseren Schatz und mich eigentlich nur hin bringen, aber nicht da bleiben wollte, was er sich dann aber anders überlegte 🙂 . Wie schon am Sonntag, fragte unser Schatz nach der Hälfte des Zuges, ob wir „nach Hause“ fahren könnte, aber wieder reichte es aus, dass er sich ausruhen konnte und er hatte viel Spaß. Nach dem Karnevalszug erklärten wir ihm dann, dass das der letzte Zug (vorerst) für dieses Jahr sein würde (unsere Züge werden ja aber noch nachgeholt, was wir ihm dann erklären müssen), was ihn etwas traurig stimmte, aber dass ich dann noch ein Foto von ihm mit einem Polizisten vor einem Polizeiauto machen durfte, tröstete darüber hinweg und als er dann nochmal kurz auch mit uns zu Opa und Oma durfte, hatte er wieder gute Laune 🙂 .
Wir stehen aber immer wieder in unserem Alltag vor der Entscheidung, ob wir unseren Schatz inkludieren oder wegen eventuell zu vieler potenziell auftretender Reize, einer Müdigkeit seinerseits oder seinem teils auffälligen Verhaltens (er wedelt zum Bespiel mit den Händen und hüpft, wenn er sich freut) darauf verzichten und ihn exkludieren, weil Inklusion noch nicht zu 100% umsetzbar ist :-/.

Wir haben bisher zum Glück in fast allen Momenten richtig entschieden und in vor einer möglichen Überforderung schützen können, wenn es nötig war, ihn nicht überfordert, obwohl wir Unternehmungen gemacht haben, ihn fast nie an seine Grenzen getrieben und hatten bisher nur einmal eine Situation, in der er schon überfordert war und wir nicht schnell genug reagierten, so dass er wieder zu Hause einen Shutdown erlebte (Der Shutdown = Abschalten, der Rückzug in sich selbst -> äußert sich zum Beispiel durch weinen, wimmern, indem der Autist sich einrollt, klein macht,…). Dennoch bleibt immer, wenn wir einen Ausflug, ein Treffen, einen Besuch,.. planen die Frage „Schafft er das – müssen wir etwas beachten, Ruhepausen einplanen, Hilfen nutzen?“.
Ich wünschte mir manchmal ich könnte in seinen Kopf gucken oder er könnte es schon vorab einschätzen….

© S.Stolzenberg

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Published in: on 10. Februar 2016 at 23:38  Schreibe einen Kommentar  

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