Warum? Mal wieder ABA

„Ihr Kind ist Autist“. Wenn Eltern diesen Satz hören gibt es zwei mögliche Reaktionen: Freude, weil man eigentlich schon wusste, dass das Kind „anders“ ist, Erleichterung nun helfen zu können und das Wissen verstanden zu werden oder eine Art Ohnmacht, ein Schock und die Frage „was nun“.

Für die Eltern, die erst mal vor der Frage des warum stehen, die Ängste haben, dass das Kind nie sprechen lernen wird, immer auf Windeln angewiesen sein wird, keinerlei Körperkontakt zulassen kann und vielleicht später in Heim kommt, weil es kein selbstständiges Leben führen können wird, mag ABA fantastisch klingen.

Es wird diesen Eltern nämlich suggeriert ihr Kind von den autistischen Verhaltensweisen „heilen“ zu können, da diese durch intensive Therapie weg therapiert werden. Es wird suggeriert, dass die Kinder, die nach ABA therapiert werden sprechen lernen, sauber werden, alleine und selbstständig leben können, nicht mehr auffälliges Verhalten zeigen, das alles aber nur mit ABA erreicht werden könne. Damit die Eltern diese Therapieform wählen wird dann noch damit argumentiert, das ABA die einzig wissenschaftlich belegte Therapie sei, die Kinder Spaß an der Therapie hätten und zu nichts gezwungen würden.

Klingt toll oder?
Wenn man diese Aussagen zu ABA so stehen lässt klingt es super und dann wäre es sicher auch eine Therapie, die jeder Autist nutzen würde, aber zu jeder möglichen Therapie sollte man sich erst mal informieren.

ABA zielt nämlich darauf ab Verhaltensproblemen, wie Zwängen oder Selbststimulation abzubauen und angemessene Fähigkeiten, wie die kommunikativer Funktionen oder funktionalem Sozialverhalten aufzubauen, indem das Kind für wünschenswertes Verhalten belohnt wird (mittels Verstärkern wie Leckerzeug, Spielsachen, Klebebilchen,…), aber bei nicht erwünschtem Verhalten ignoriert wird. Es findet eine operante Konditionierung des Kindes statt, die am besten laut diversen ABA-Befürwortern die gesamte Wachphase des Kindes umfasst.

Klingt schon nicht mehr so wünschenswert?
Stimmt, aber betrachten wir mal einzelne Punkte, die bei ABA wichtig sind genauer:

Verhaltensprobleme wie Zwänge oder Selbststimulation sollen abgebaut werden.

Wer wünscht sich auch ein Kind, das verhaltensauffällig ist? Niemand. Aber: Wer bestimmt denn was verhaltensauffällig bedeutet? Die Eltern.

Sicher gibt es Verhaltensweisen, die man nicht einfach passieren lassen sollte, wie etwa selbstverletzendes Verhalten, Aggressionen gegenüber den Bezugspersonen oder das Zerstören von Gegenständen, aber das sind Verhaltensweisen, die aus einer Überforderung resultieren, Hier muss nach möglichen Ursachen geschaut werden, damit die Auslöser minimiert (im besten Fall völlig beseitigt) werden können.
Auch Selbststimulation zählt hierbei zu auffälligem Verhalten – etwa das Flattern mit den Händen, das Schaukeln, aber auch das Reiben der Hände. Doch warum soll das dem Kind genommen werden? Wenn sich ein nicht-autistischer Mensch in einer Stresssituation befindet, stimuliert er sich selber auch, indem er beispielsweise mit den Fingern spielt, summt, mit den Beinen wippt,… Warum darf ein Kind das dann nicht? Nur, weil es gesellschaftlich nicht als Selbststimulation erkannt wird? Das ist wohl kaum eine nachvollziehbare Erklärung.

Im Übrigen gehören die autistischen Verhaltensweisen zur Persönlichkeit des Kindes. Diese Verhaltensweisen ändern zu wollen, ist gleichbedeutend damit ein anderes Kind haben zu wollen. Das Kind wird nicht angenommen wie es ist – würde man sich bei einem Partner, der eine Brille tragen muss auch einen wünschen, der keine benötigt oder bei einem würde man einem Elternteil, das krankheitsbedingt auf Hilfsmittel angewiesen ist auch versuchen beizubringen die Lebensführung ohne diese zu bewältigen, weil er dadurch aus der Masse hervorsticht? Eher nicht!

Ein autistisches Kind kann (so die ABA-Befürworter) nur durch Konditionierung lernen, nicht aus eigenem Interesse

Eine fatale Annahme, denn Kinder lernen gehen, indem sie irgendwann aufstehen und es versuchen, so lange bis es funktioniert. Wenn sie fallen, lernen sie, dass die vielleicht eine andere Körperhaltung einnehmen, das Gewicht verlagern oder sich langsamer fortbewegen müssen. Sie lernen zwar nicht gleich zu sprechen (manche auch nie), kommunizieren aber vom Tag ihrer Geburt mit uns – erst durch weinen, dann durch Gesten, durch zeigen, durch Mimik, durch Körpersprache und wenn sie bei den ersten lauten merken, dass da eine Reaktion erfolgt, lernen sie auch, das verbale Sprache Spaß machen kann. Kinder, die jedoch aus verschiedenen Gründen nicht sprechen lernen, können dafür lernen, dass sie die Möglichkeit haben sich mittels Bildkarten oder Talkern mit ihrer Umwelt zu verständigen. Die kindliche Entwicklung beruht auf Neugierde, darauf sich auszuprobieren, zu experimentieren, nicht auf Verstärkung. Besonders schlimm an der Annahme ist aber, dass den Eltern vermittelt wird, dass Kinder besonders durch Lob und/oder Körperkontakt verstärkt werden können. Autisten können aber oft mit Lob nichts anfangen und Körperkontakt ist vielen Autisten unangenehm – manchen versucht dieser sogar Schmerzen. Das wird aber bei der „Belohnung“ schlicht außer Acht gelassen.

Ein Kind, dass nach ABA therapiert wird, wird später keine Windeln benötigen, kommunizieren können, nicht in ein Heim müssen, selbstständig sein

Klingt super, ist aber eine Aussage, die impliziert, dass Kinder, die keine ABA-Therapie erhalten dies nie können werden.

Ein Kind kann erst dann wirklich auf Windeln verzichten, wenn es von sich aus eine Körperkontrolle hat – wenn es selbst feststellt, wenn es mal zur Toilette muss, nicht aber, weil es antrainiert ist. Da mag es den ein oder anderen „Erfolg“ geben und das Kind wird vielleicht in bestimmten Abständen zur Toilette gehen, nicht aber notwendigerweise auch, weil es das Bedürfnis hat.

Kommunizieren tut jeder Mensch – auch ein nonverbales Kind. Wenn es sprechen lernt, dann durch Geduld, Ausdauer, das Vorleben durch Bezugspersonen und das eigene Ausprobieren und ein Kind, das nicht sprechen lernt, wird lernen dies mit Hilfsmitteln zu tun.

Natürlich gibt es auch Autisten, die später vielleicht in einem Wohnheim leben müssen, aber so pauschal kann man diese Aussage nicht treffen. Es gibt viele Autisten, die selbstständig leben, teils mit persönlicher Assistenz und/oder einem Betreuer, teils auch ohne und genauso gibt es die Autisten, die das nicht schaffen und im Wohnheim leben, weil sie kein eigenständiges Leben führen können. Die Aussage jeder nicht mit ABA therapierte Autist müsse später im Wohnheim leben, ist aber eine so qualifizierte, als würde man jedem Mann ein Aggressionsproblem unterstellen oder jeder Frau sie könne durch Shopping Glück empfinden.

Und dann die Selbstständigkeit: Wie kann ich erwarten, dass ein Kind, dem seine potenziellen Verhaltensweisen vorgegeben werden, später eigenständige Entscheidungen fällen kann? Den Kindern wird in der Therapie vermittelt, dass ihre Verhaltensweisen, Entscheidungen und Wünsche schlicht falsch sind und dennoch sollen sie später entscheiden können wie sie reagieren sollen. Sie werden jedoch immer in dem Zwiespalt so zu reagieren, wie sie es für richtig erachten, damit verbunden aber dann aber das Gefühl haben sich falsch zu verhalten oder so zu reagieren, wie es ihnen in der Therapie vermittelt wurde, sich damit entgegen ihrer Persönlichkeit verhalten, was enorm viel Kraft fordert.
Unabhängig von all diesen Kritikpunkten wiederspricht ABA aber schlichtweg auch dem Gesetz Gleichstellung behinderter Menschen (Behindertengleichstellungsgesetz), dessen Zielsetzung es ist die Benachteiligung von behinderten Menschen zu beseitigen und zu verhindern sowie die gleichberechtigte Teilhabe von behinderten Menschen am Leben in der Gesellschaft zu gewährleisten und ihnen eine selbstbestimmte Lebensführung zu ermöglichen, wobei besonderen Bedürfnissen Rechnung getragen wird.

Dem Widerstreben Blickkontakt aufzubauen, weil dieser als unangenehm empfunden wird, dem Rückzugswunsch bei Überforderung, dem Wunsch der Selbststimulation oder auch der anderen Wahrnehmung wird jedoch bei ABA nicht Rechnung getragen. Diese Bedürfnisse werden als störend, als problematisch angesehen, sie werden nicht ernst genommen und sollen weg therapiert werden.

All diese Dinge versuchen erwachsene Autisten und Angehörige von Autisten immer wieder zu vermitteln, aber statt zuzuhören und sich mit diesen Menschen auszutauschen, werden sie von ABA-Befürwortern belächelt, diskreditiert, ignoriert. Es wird über Autisten gesprochen, nicht mit ihnen und die Antwort auf die Frage nach dem Warum werden uns diese Menschen sicherlich schuldig bleiben, ebenso wie die Aktion Mensch, die ABA unterstützt.

Daher schließe ich mich der Bitte von Quergedachtes an und möchte dazu auch gerne auf den Blog von Innerwelt hinweisen.

© S. Stolzenberg

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Published in: on 1. März 2016 at 10:41  Comments (1)  

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One CommentHinterlasse einen Kommentar

  1. Hat dies auf butterblumenland rebloggt und kommentierte:
    Eine tolle Zusammenfassung mit vielen hilfreichen Erklärungen.


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