Vorurteile/Fehlannahmen zu Autismus

Diesen Beitrag schreibe ich aus aktuellem Anlass, da eine Mutter um Hilfe bat, denn über das Kind einer Freundin wurde geäußert, dass es kein Autist sein könne, weil es nicht auffällig genug sei – es könne Blickkontakt halten, Nähe zulassen und verstünde Emotionen. Daher möchte ich hier mal zu ein paar Vorurteilen/Falschannahmen bezüglich Autismus Stellung beziehen.

Autismus ist eine Krankheit. ¹

Nein Autismus ist keine Krankheit, sondern eine besondere Art zu leben und seine Umwelt wahrzunehmen¹, so haben viele Autisten einen Detailblick, nehmen Geräusche, Gerüche, Temperaturänderungen und vieles andere intensiver wahr und können „unwichtige“ Informationen schlechter filtern. Alle Eindrücke prasseln zeitgleich auf Autisten ein. Dies sind aber nur ein paar veränderte Wahrnehmungsbeispiele. Autismus ist nicht ansteckend, wächst sich nicht aus.

Die Gründe für das Entstehen von Autismus sind multikausaler Art: man geht heute von einer genetischen Disposition aus, die für sich allein aber noch keinen Autismus bedingt. Vieles spricht dafür, dass Informationen im Gehirn von Menschen mit Autismus aufgrund veränderter neurologischer Verknüpfungen anders verarbeitet werden.¹

Autismus kann geheilt werden.

Dies ist eine besonders fatale Annahme, die teils sogar zu Körperverletzungen führen, aber nein Autismus kann nicht geheilt werden, denn eine genetische Veränderung ist nicht heilbar! Angehörige, Therapeuten, Erzieher, Lehrer und weitere Bezugspersonen eines Autisten können diesem aber mit einer möglichst gleichbleibenden Tagesstruktur, Ankündigungen von Veränderungen, Routinen und Ritualen helfen besser in einer nicht-autistischen Welt zurecht zu kommen. Andererseits können viele Eindrücke über den Tag, Veränderungen, die nicht angekündigt werden und fehlende Tagesstrukturen dazu führen, dass es dem Autisten weit schwerer fällt sich zurecht zu finden. Dies kann zu einer Überforderung (Overload) führen.

Keinesfalls ist Autismus, wie früher angenommen, psychisch bedingt und gar auf emotionale Vernachlässigung durch sogenannte “Kühlschrankmütter”, Traumata oder Missbrauch zurückzuführen.¹

Autisten sind meist hochbegabt und haben Inselbegabungen oder geistig behindert und werden ein Leben lang auf Hilfe angewiesen sein.¹

Autisten sind wie alle anderen Menschen Individuen. Nicht jeder Autist ist hochbegabt, aber es gibt Autisten, die es sind, genauso wie es Hochbegabte gibt, die nicht autistisch sind. Gleiches gilt für Inselbegabungen und gesitige Behinderung. Inselbegabungen sind eher selten – Menschen mit Inselbegabungen (Savants) haben zwar besondere Talente, was aber nicht generell für jeden Autisten zutrifft, allerdings haben die meisten Autisten Spezialinteressen mit denen sie sich sehr intensiv beschäftigen, was aber nicht mit Inselbegabungen verwechselt werden sollte. Spezialinteressen sind eher mit einem Hobby vergleichbar, für das man auch sehr viel Zeit aufwendet. Natürlich gibt es auch geistig behinderte Autisten, wobei meist angenommen wird, dass der Autist geistig behindert ist, wenn er nicht spricht, was aber nichtgleichbedeutend ist. Autisten, die nicht sprechen können zum Beispiel, weil sie in der Situation überfordert sind, sind dennoch sehr gut in der Lage Dinge einzuschätzen, haben vielleicht sogar einen hohen IQ. Desweiteren gibt es für Autisten, die nicht sprechen könne aber auch Hilfsmöglichkeiten sich mitzuteilen wie etwa über Bildkarten, in der Schriftform oder mit einem Talker. Es gibt auch Autisten, die ein Leben lang auf Hilfen angewiesen sein werden, jedoch gibt es auch Autisten, die sehr gut alleine leben können, sich in einer Beziehung befinden, Kinder haben, vielleicht selber jemanden pflegen. Es gibt aber auch zahlreiche Hilfsmöglichkeiten für erwachsene Autisten, die nicht alleine leben können, wie etwa betreutes Wohnen, persönliche Assistenz, eine gesetzliche Betreuung und einige weitere.

Autisten leben in einer eigenen Welt und wollen isoliert sein.¹

Autisten sind genauso am Kontakt zu anderen Menschen interessiert, wollen Kontakte pflegen und haben Freundschaften und Beziehungen wie jeder andere Mensch auch, brauchen aber eher mal einen Rückzug, der aber aus einer Überforderung resultiert, kommen oft nicht in großen Menschenansammlungen zurecht und haben Schwierigkeiten mit Lautstärke, aber dennoch suchen auch Autisten nach Kontakten, die aber erfahrungsgemäß oftmals eher im virtuellen Raum statt finden. Sie wollen nicht isoliert werden, aber dadurch, dass man bei Autisten nicht „zwischen den Zeilen lesen“ sollte, Autisten sehr direkt sind, auch wenn es verletzend sein könnte und oft mit Höflichkeitsfloskeln nichts anzufangen wissen, kommt es oftmals zu Missverständnissen, so müssen auch Redewendungen wie Vokabeln von Autisten gelernt werden und Ironie wird oftmals nicht so gut verstanden.

Autismus ist doch eh nur so eine Modediagnose.

Nein. Definitiv nicht.
Die Diagnoseverfahren, die Möglichkeit der Diagnostik und die Anzahl der Spezialisten haben in den letzten Jahren zugenommen. Es ist nur eine logische Konsequenz, dass nun auch mehr Diagnosen gestellt werden können.

Autistische Kinder sind falsch erzogen, frech.

Nein! Autistische Kinder mögen manchmal für Außenstehende scheinbar auffälliges Verhalten zeigen, schreien, weinen toben, was dann aber aus einer Überforderung resultiert. Da man diesen Kindern aber nicht ansieht, dass die Autisten sind, wird dieses Verhalten oft der Erziehung zugeschrieben.

Autisten müssen nur lernen sich anzupassen, sie müssen sich nur zusammenreißen, anderen wird auch oft alles zu viel.

Autisten könne zwar lerne sich besser zurecht zu finden, sollten aber niemals dazu gezwungen werden sich zu verbiegen, sich um jeden Preis anpassen zu müssen, denn das kostet immens viel Kraft und kann sogar zu Depressionen und Suizidgedanken führen. Wird einem Autisten eingeredet er müsse sich nur mehr zusammenreißen, sich besser anpassen, das sei alles nicht so schlimm, dann wird ihm damit suggeriert „nicht richtig“ zu sein und er bekommt dadurch das Gefühl nicht akzeptiert, nicht geliebt zu werden.

Autisten haben keine Gefühle.

Natürlich haben auch Autisten Gefühle, die sie aber vielleicht nicht so gut kommunizieren können, nicht benennen können. Manche Autisten könne sich sehr gut in andere einfühlen, anderen fällt es leicht, wenn sie das entsprechende Gefühl selber schon mal erlebt haben, können aber nicht oder nicht so gut, wenn sie das Gefühl selber nicht schon mal hatten. Manche Autisten sind weniger emphatisch, andere so sehr, dass es sie überfordern kann. Es sollte also nicht pauschalisiert werden.

Autisten können keine Nähe zulassen.

Auch das ist eine sehr verallgemeinernde Aussage, die so nicht zutreffend ist. Es gibt Autisten für die kann körperliche Nähe schwer zu ertragen, teils sogar als schmerzhaft empfunden werden. Sie können es meist nur zulassen, wenn es angekündigt wird, dann aber auch nur kurz. Es gibt aber auch Autisten, die sehr gerne Körperkontakt haben, diesen auch einfordern und ihn genießen können. Es gibt aber Autisten, die zwar gerne Körperkontakt haben, aber eher festere Reize brauchen, weil sie sich selber nicht spüren können, sie mögen es dann lieber massiert zu werden z.B. statt zu kuscheln. Es muss also bei Kindern genau beobachtet und bei Erwachsenen am besten erfragt werden.

Generell sollte man nicht pauschalisieren egal, ob es sich beim Gegenüber um einen Autisten handelt oder nicht. Kennt man einen Autisten sollte man auch nicht dessen Verhaltensweisen und dessen veränderte Wahrnehmung auf andere Autisten übertragen, denn Autisten sind genauso Individuen wie jeder andere Mensch auch – mit ihren Schwächen und ihren Stärken und sollten genauso angenommen werden.

Kennst Du einen Autisten, kennst Du genau einen Autisten, nicht alle!

¹ Diese Beitragsabschnitte, die auch in grau gekennzeichnet sind, wurde aus Ellas Blogbeitrag über Vorurteile aufgegriffen.

© S. Stolzenberg

Advertisements
Published in: on 15. März 2016 at 23:48  Comments (8)  

The URI to TrackBack this entry is: https://sabrinastolzenberg.wordpress.com/2016/03/15/vorurteilefehlannahmen-zu-autismus/trackback/

RSS feed for comments on this post.

8 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Das ist super geschriebener Artikel .Auch wir sind immer noch bei keiner Diagnose seit 4 jahren bekommen wir jedes jahr eine neueDiagnose vom spz .Uns wurde auch schon Erziehung,usw vorgehalten beim letzten Untersuchungs termin, wo sie dann endlich mal auf autismus testen wollten hieß es auch er könnte ja komunizieren, und Gefühle zeigen .AUs dessen grund wurde der ADOS test nicht weiter geführt, und wir bekamen dann die Diagnose kombinierte Störungen im bereich der emotionen,und VerhaltensStörungen .Ich finde es einfach nur schrecklich das man zu hören bekommt es.sei eine modediagnose ,und daß leider sehr viele unfähig sind von den Ärzten eine solche Diagnose zu stellen.

    • Hallo Bianca. Beim mitlesen in diversen gruppen bei Facebook aber auch im direkten Austausch, scheint es auch so, als seien SPZs da eher nicht so geschult, um Autisten eine Diagnose zu stellen. Ich würde Dir raten Dir mal einen Kinder- und Jugendpsychiater für die Diagnostik bei Deinem Kind zu suchen – Adressen kannst Du einem örtlichen Autismustherapiezentrum, aber auch bei der Krankenkasse erhalten. LG Sabrina

  2. Ein sehr guter Beitrag, den ich direkt empfehlen und teilen werde. 🙂

  3. Hallo Sabrina,

    gerne würde ich dich auf diesem Weg dazu einladen an der Blogparade zum Thema „Irgendwie anders “ teilzunehmen. Bei der Blogparade geht es darum, das Eltern von besonderen Kinden aus ihrem Leben berichten wie sie und die Gesellschaft mit der Besonderheit des Kindes umgeht. Hier geht es zu unserem Beitrag: http://elai-bloggt.de/irgendwie-anders-unser-leben/

    Unser Sohn hat seit 3 Jahren (seit seinem 6. Lebensmonat) ein Tracheostoma. Und viele andere kleine Baustellen 🙂
    Mit dieser Kanüle im Hals fallen wir im Alltag natürlich auf und machen dabei nicht nur positive Erfahrungen. Die Gesellschaft kann gegenüber unseren Kindern manchmal echt ungerecht sein. Anstatt uns anzusprechen und zu fragen warum unser Sohn bspw. abgesaugt werden muss, wird hinter unserem Rücken getuschelt.

    Durch deine Teilnahme und deinem Beitrag zum Thema „Irgendwie anders“ können wir versuchen auf diese Ungerechtigkeiten aufmerksam zu machen.
    LG Sascha

    • Hallo Sascha. Das ist wirklich eine tolle Idee zu einer Blogparade, an der ich mich sehr gerne beteiligen werde 🙂 LG Sabrina

      • Da freue ich mich und bin schon sehr gespannt auf deinen Beitrag zur Blogparade. LG Sascha


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

sophiesanderswelt

Mutter sein und Frau bleiben mit behindertem Kind

jutimablog

Das Leben eines Kindes der 80er. Meine Gedanken, meine Lieblingsmusik, meine Fotos und anderes. Willkommen :)

Herzensangelegenheit.

Eine Mutter liebt am stärksten ihr schwächstes Kind (schwedisches Sprichwort)

diaphanoskopie

...im Gegenlicht der Wirklichkeit.

Kind und Studium

Zwischen alltäglichem Wahnsinn und Freuden

erzaehlmirnix

[hier bitte kreative Beschreibung einfügen]

wheelymum

Eltern mit Behinderung und chronischer Krankheit meets Familienleben

maria ante portas

Inklusionsblog

kiki blacks blog

Mein Leben, mein Chaos, meine Familie und ich

Leben mit Autismus & einem halben Herzen

Wir müssen bereit sein, uns von dem Leben zu lösen, das wir geplant haben, damit wir das Leben finden, das auf uns wartet. (Oscar Wilde)

Hochsensibel und Multipassioniert

Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann rufe nicht die Menschen zusammen, um Holz zu sammeln, Aufgaben zu verteilen und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem großen, weiten Meer. Antoine de Saint-Exupéry

Autland Nürnberg

von und für Autisten

Andersfamilie

Huch, ich dachte immer DIE wären anders

dasfotobus

gedankenparkplatz || Mensch mit Meer

Blogger ASpekte

Menschen im Autismus-Spektrum haben sich zusammengeschlossen, um aus ihrer Sicht die Welt zu beschreiben. Alle Bloginhalte von "Blogger ASpekte" sind urheberrechtlich geschützt und dürfen ohne schriftliche Genehmigung der jeweiligen Autoren nicht kopiert und veröffentlicht werden.

meerigelstern

mit Schneeflocken fliegen - die Welt anders erleben, autistische Lebensformen berichten aus der Chaoswelt und von Gemeinsamlebenstipps

laviolaine.com

Foto-Reportagen und Portraits

Anders als die anderen - Lohengrins Blog

Verdacht auf Autistische Spektrumsstörung

Papa b(l)oggt

Das etwas andere Papablog

Gedankencocktails

Eine Autistin zwischen den Welten

melli´s kleines nähkästchen

wilkommen in meiner Sicht der Dinge

autzeit

Irgendwo im Universum bin ich falsch abgebogen.

Charly's Welt

oder wie ich sie sehe ...

butterblumenland

Familienleben mit Autismus

mehrblickblog.wordpress.com/

Inklusion | Vielfalt | Menschen

Quergedachtes | Ein Blog über Autismus

Autismus aus Sicht eines Autisten

RBW-Blog

Regenbogenwald - Hilfe zur Selbsthilfe e.V.

Ein Blog von Vielen

ein Ziel - viele Kämpfe_r_innen

Gedankenkarrussel

Ein Blog über mein Leben mit Asperger und Dauermüdigkeit

Erdlingskunde

Das seltsame Verhalten neurotypischer Menschen, versuchsweise beschrieben von einem Neurotypischen.

DenkenderTraum

Autismus, Aspie, Ich

innerwelt

Ich bin Asperger Autistin und hier sollen meine Gedanken Platz finden.

altonabloggt

Themen rund um und aus Altona und Hamburg

früher war ich falsch...

...heute bin ich anders...

Ich bin Autistin - Asperger-Syndrom bei Frauen

Autismus aus der Sicht einer Betroffenen

%d Bloggern gefällt das: