Irgendwie anders (und doch auch nicht)

Dieser Artikel ist Teil der Blogparade zum Thema „Irgendwie Anders“ von Elai-bloggt.de. Was eine Blogparade ist und wie du daran, auch ohne eigenen Blog, teilnehmen kannst erfährst du in diesem Beitrag: Irgendwie Anders – Buchtipp & Blogparade.

Was ist anders?

Auf den ersten Blick scheinbar nichts. Unser Wirbelwind scheint ein ganz normales Regelkind zu sein, doch er hat ein paar Besonderheiten, denn er ist Autist mit einer Wahrnehmungsstörung und einer Entwicklungsverzögerung.  Am auffälligsten ist seine teils undeutliche Lautsprache, aber bei weiterem Beobachten fällt auch auf, dass er teilweise, wenn er sich unsicher ist (bei Unebenheiten) krabbelt, bei Aufregung hüpft und/oder mit den Händen flattert, mit manchen Dingen untypischen spielt. Er läuft und/oder krabbelt auch gerne Bällen hinterher, spielt gerne mit Steinen, benimmt sich scheinbar wie ein schlecht erzogenes Kind, spricht jeden an und hat keine Berührungsängste, überschreitet dabei auch manchmal ungewollt persönliche Grenzen.

Er hat aber auch einen sehr starken Detailblick, kann sich Dingen sehr gut merken (besser als ich es könnte) und sieht Veränderungen sofort. Er hat einen sehr ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und möchte andere, denen es nicht so gut geht trösten, sie beschützen und ist sehr emotional.

Wie reagieren andere Kinder auf Dein Kind?

Im Kindergarten hatte sich unser Wirbelwind nach einiger Zeit gut eingelebt, fand schnell einen „Zugang“ zu den anderen Kinder und sie spielten unbefangen miteinander. In der Schule fand er diesen Zugang noch schneller, hat doch auch schnell Freunde gefunden und spielt sehr gerne mit den anderen Kinder, hat sogar einen Freund, der zwei Klassen höher eingestuft ist. In der direkten Nachbarschaft gehen die Kinder auch ganz unbefangen mit ihm um, wissen aber auch, dass er „anders“ ist und gehen intuitiv toll darauf ein.

Bei fremden Kindern kommt es immer darauf an wie sich das andere Kind auf unseren Schatz einlassen kann und möchte. Manche Kinder reagieren völlig unbefangen, suchen nach gemeinsamen Spielmöglichkeiten und integrieren unseren Schatz, andere Kinder, die reagieren gar nicht auf ihn und wieder andere Kinder werden böse, schubsen ihn weg, sagen ihm er soll gehen uns sie in Ruhe lassen. Manches Mal hilft es dann, wenn wir als Eltern erklären, dass er eine Behinderung hat, oft leider nicht.

Wie verhalten sich die Eltern der Kinder/Erwachsene?

Von den Eltern der Kindergartenkinder haben wir leider nur eine Mama kennen lernen dürfen, die vollkommen offen mit unserem Wirbelwind umgegangen ist. Von den jetzigen Eltern der Schulkinder kennen wir zwar alle, aber diese habe wenig Kontakt zu den Kindern der Klasse, so dass ich dazu wenig sagen kann. Die I-Kräfte, das Buspersonal des Fahrdienstes unseres Wirbelwindes und andere Fachkräfte gehen ganz normal mit ihm um, bei anderen Erwachsenen kommt es auf die Situation an. Die meisten Erwachsenen gehen offen, unvoreingenommen, unbefangen mit ihm um, freuen sich, wenn er sie grüßt oder bei Joggern mitläuft. Selbst wenn er in persönliche Bereiche eindringt und andere Menschen auch mal am Popo berührt, wird meistens mit einem Lächeln reagiert. Wir haben aber auch schon sehr ablehnende Reaktionen erlebt, die aber überwiegend von Familienangehörigen und angeblichen guten Freunden stammten, die „mit der Diagnose nicht zurechtkommen“ oder mir unterstellten ich würde meinen Kind nur eine Behinderung einreden wollen. Ich habe noch nie gehört, dass mein Kind schlecht erzogen sei (aber ich weiß, dass es vielen Eltern autistischer Kinder so ergangen ist), aber dafür kamen Blicke, es wurde getuschelt und belächelt, wenn sich unser Schatz auffällig verhielt, aber das ist eher selten.

Bei Restaurantbesuchen, beim Einkauf, bei Straßenfesten,.. wird man unserem Schatz, wenn man keine Fachkraft ist, vermutlich nicht anmerken, dass er behindert ist, aber im Kino beispielsweise schon, da er da aufspringt, mitspricht, tanzt, sich viel bewegen möchte und auch viel hinterfragt was er da gerade sieht. Hier gab es schon mal verärgerte Blicke, weil man es nicht verstanden hat, dass sich unser Wirbelwind so verhielt, mehr aber auch nicht und darauf reagieren wir nicht mehr.

Welche Erfahrungen hast Du gemacht?

Negativ: Die heftigste Reaktion auf unseren Schatz habe ich mal beim Einkauf erlebt, als unser Schatz mit den Rollen hinter der Kasse spielte und ich bezahlte. Ein älterer Herr, der selber teils auf Hilfe angewiesen sein dürfte, weil er einen Rollator hatte, fühlte sich scheinbar durch das Geräusch gestört und bat mich es unserem Wirbelwind zu verbieten, was ich verneinte und ihm erklärte, dass es unseren Schatz beruhigt und er eine Behinderung hat. Daraufhin meinte der Herr zu mir „so etwas“ habe es „damals“ aber nicht gegeben. Was er meinte (nämlich die NS-Zeit) war uns beiden klar und entsprechend reagierte ich, was ich hier nicht weiter ausführen möchte…

Ein sehr positives Erlebnis war in Essen im Grugapark, als ich mit unserem Wirbelwind in der Grugabahn saß und uns gegenüber ein junger Mann, der wie sich rausstellte beruflich mit Autisten zu tun hat und bei der Beobachtung unseres Schatzes auch den Verdacht hatte. Er fragte mich, ob er richtig läge und erklärte unserem Schatz dann was wir da alles sahen. Er verstand sich auf Anhieb mit unserem Schatz (was bei Männern sehr selten ist) und unser Schatz war sehr traurig, als er sich von dem jungen Mann verabschieden musste.

Am selben Tag hatten wir noch einen weiteren sehr positiven Moment im Zug, als unser Schatz sich auf seinem Sitz umdrehte und sah wie ein Mann hinter ihm mit seinem Handy spielte. Er lehnte sich über den Sitz um zusehen zu können und der Mann bot ihm an sich neben ihn zu setzten, dass er besser schauen könne und versicherte mir, dass das Spiel auch für Kinder geeignet sei. So verbrachte unser Schatz den Großteil der Zugfahrt damit dem Mann beim Spielen zuzuschauen.

Nicht negativ, aber sehr nervig ist für mich immer wieder der Vergleich von Menschen, die bereits mit Autisten zu tun hatten und scheinbar der Ansicht sind jeder Autist sei gleich. Anfangs habe ich dann oft erklärt, dass Autisten genauso unterschiedlich sind wie alle anderen Menschen auch, mittlerweile tu ich das nur noch, wenn die Person beruflich mit unserem Schatz zu tun hat.

Welchen Umgang würdest Du Dir mit Deinem behinderten Kind wünschen?

Ich wünsche mir den unvoreingenommen Umgang mit unserem Schatz, wie er uns überwiegend auch begegnet, offen freundlich, interessiert. Aber ich würde mir auch wünschen, dass Menschen weniger Vorurteile hätten, denn nicht jedes auffällige Kind ist schlecht erzogen und dass weniger getuschelt, geguckt, gegafft würde und Eltern behinderter Kinder direkt angesprochen würden.

Unabhängig davon würde ich mir aber auch wünschen, dass Eltern behinderter Kinder (oder auch Angehöriger erwachsener Behinderter und diese selbst) sich nicht für ihnen zustehende Leistungen rechtfertigen müssen wie etwa den Erhalt des Pflegegeldes (so bei uns geschehen), die Möglichkeit einen Behindertenparkplatz zu nutzen, wenn die entsprechenden Voraussetzungen erfüllt werden oder die Unterstützung eines Pflegedienstes (in der Form man habe ja einen bezahlten Babysitter) , denn die vielen Kämpfe, die wir für unsere Kinder führen bei Behörden, der Krankenkasse, dem Versorgungsamt, in Kindergarten, Schule und später wegen einer Beschäftigung sehen diese Menschen auch nicht. Sie wissen nicht welche körperliche und psychische Belastung eine Behinderung eines Angehörigen zeitweise sein kann und sollten sich deswegen nicht das Recht heraus nehmen urteilen zu können.

© S. Stolzenberg

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2 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Hallo Sabrina, ich selbst hatte noch keinen Kontakt mit einem autistischen Kind. Von daher kann ich nur anhand deiner Erklärungen versuchen zu verstehen wie euer Alltag ist.

    Toll das ihr dem jungen Mann gegenüber saßt, der sich mit Autistischen Kindern auskennt. Habt ihr eure Nummern ausgetauscht? Könnte ein Interessanter Kontakt sein.

    Du schreibst von deinem Erlebnis an der Kasse mit einem älteren Herrn. Wir wurden mal von einer Dame zuhause angerufen, auch schon was älter (von der Stimme her zumindest), die sagte „Schlimm das die Medizin heutzutage so weit ist das SOLCHE Kinder überleben“. Das kam überraschend.

    Ich wünsche dir und deiner Familie weiterhin viel Kraft bei der Bewältigung des Alltags und viele tolle gemeinsame Stunden.

    Herzlichen Dank für deine Teilnahme an der Blogparade und dem Einblick in euren Alltag mit einem autistischen Kind.

    Liebe Grüße, Sascha

    • Eigentlich ist es, wenn man bereit sich darauf einzulassen nicht schwer mit einem autistischen Kind umzugehen…. leider konnten wir mit dem Mann keine Nummer austauschen, da er zu schell ausgestiegen war :/ Traurig, dass manche Menschen reagieren wie bei Euch auch die ältere Dame, denn was gibt es schöneres als viele menschen, die unterschiedlich sind – wären wir alle gleich, wäre es doch langweilig. Ich hbae mich sehr gerne an Deiner Blogparade beteiligt und wünsche auch Euch weiterhin alles Gute. LG Sabrina


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