Das Kind da abholen wo es steht…

Zu diesem Blogbeitrag hat mich eine andere Bloggerin inspiriert, die den Blog „Ein Leben mit Autismus & einem halben Herzen“ betreibt und da aktuell wieder die Rubrik „Anders und doch (un)sichtbar“ ins Leben gerufen hat, um mehr wissen über die verschiedensten unsichtbaren Einschränkungen an die Hand geben zu können und das mittels Berichten von Betroffenen und Angehörigen. Eine schöne Idee, die mich aber auch zum nachdenken anregte.

Es ist traurig und kostet enorme Kraft sich immer wieder mit Vorurteilen konfrontiert zu sehen, nicht ernst genommen zu werden und in Schubladen gesteckt zu werden, obwohl es so einfach wäre die Kinder da abzuholen, wo sie stehen, sich auf sie einzulassen.

Aber von vorn:

Bei uns fing dieser „Kampf gegen Windmühlen“ schon im Kleinkindalter unseres Wirbelwindes an, als uns immer gesagt wurde wir müssten stärker durchgreifen, wenn er mal wieder nicht ruhig beim Essen sitzen blieb, wie aufgescheucht durch die Wohnung rannte oder stundenlang damit beschäftigt war die Tür des Wohnzimmers auf und zu zumachen. Er konnte schlicht nicht anders, weil er noch nicht verstanden hatte warum er sitzen bleiben sollte, er konnte die Reize (Gerüche, Geräusche,..) nicht filtern und war damit überfordert diese beim Essen aushalten zu müssen, liebte es diese Routine der Türbewegung zu beobachten und das gab ihm Sicherheit. Die betreffenden Personen konnten (oder wollten) es aber nicht verstehen. Wir erklärten es immer wieder….  Mittlerweile wurde der Kompromiss gefunden, dass er beim Essen TV sehen darf und das wird von allen Bezugspersonen angenommen.

Unser Sonnenschein hatte dann eine Zeit lang eine Trennungsangst und Schlafstörungen entwickelt und auch da wurde uns zu mehr Konsequenz geraten, uns wurde auch das Buch „Jedes Kind kann schlafen lernen“ empfohlen und selbst der irrwitzige Rat die Kinderzimmertüre abzuschließen, damit er nicht einfach ungefragt wieder aufstehen und in Wohnzimmer kommen könnte, wurde uns erteilt. Wir verneinten das natürlich und entschieden uns dazu unserem Schatz die Zeit zu geben, die er benötigen würde, ihn in den Schlaf zu begleiten und schrittweise eine Loslösung (mal kurz raus gehen, dann etwas länger, die Türe auf lassen, dann ein Nachtlicht einführen, alles sehr kleinschrittig) zu gestalten. Wir saßen zwar anfangs teils bis zu 1,5 Stunden neben dem Bett, bis unser Süßer schlafen konnte, aber er ließ kurzzeitige Trennungen immer besser zu und nach knapp einem Jahr konnte er wieder alleine in seinem Zimmer schlafen. Wir waren für ihn da gewesen, hatten ihn ernst genommen und sind auf seine Bedürfnisse eingegangen, statt ihn dafür zu bestrafen.

Immer wieder wurden (und werden) von unserem Schatz Anpassungsleistungen gefordert, etwa ruhig sitzen zu bleiben, Unterhaltungen nicht zu stören, abzuwarten, obwohl das selbst vielen Regelkindern schwer fällt, aber unser Schatz ist nun mal kein Regelkind. Er ist Autist und benötigt in ruhigen Phasen Beschäftigung, weil er mit der „Ruhe“ nicht zurechtkommt. Er nimmt dann Dinge war (Wind, Atemgeräusche, das Summen von Leuchtröhren, das Geräusch fließenden Stroms,..), die in Beschäftigung besser gefiltert werden können. Denn dann kann er sich auf etwas anderes konzentrieren. Er kann auch nicht abwarten, bis er an der Reihe ist, es sei denn er darf Stichpunkte nennen, die ihm zu einem späteren Zeitpunkt helfen sich zu erinnern.  Er vergisst nämlich sonst, was er äußern möchte, weil er in der Zwischenzeit schon wieder mit anderen Reizen umgehen muss. Gleichzeitig gibt es Dinge die für ihn so wichtig erscheinen, ihn so sehr beschäftigen, dass diese nicht warten können und umgehend kommuniziert werden müssen. Genau deswegen hören wir aber auch immer mal wieder er sei frech, schlecht erzogen und man solle ihm doch mal mehr Grenzen setzen – Äußerungen aus einer Unwissenheit heraus getätigt.

Oft, insbesondere von Außenstehenden haben wir auch zu hören bekommen, dass er das doch schon können müssen, etwa seinen Namen zu schreiben, alleine auf den Spielplatz zu gehen, sich alleine die Zähne zu putzen und vieles mehr. Nein das kann er nicht, da er entwicklungsverzögert ist, länger die Sicherheit benötigen wird, dass Papa und Mama da sind und ihm die nötige „Rückendeckung“ geben werden, er Dinge zum Teil kognitiv, teils auch motorisch einfach noch nicht umsetzten kann.

Und dann kam die Einschulung. Wir hörten zum ersten Mal Äußerungen wie „jedes Kind ist individuell in seinen Stärken und Schwächen“ oder auch „Sie sind die Spezialasten für ihr Kind“. Sätze, mit denen man sich ernst genommen fühlt (und im Großen und Ganzen werden wir das auch), aber es auch da immer wieder Situationen, in denen wir wieder rechtfertigen, erklären, nach Hilfen bitten mussten. Unser Junior benötigt beispielweise Routine und Struktur und natürlich kann es ungewollt immer zu Veränderungen etwa durch Krankheitsausfälle kommen, aber auch planbare Veränderungen wurden zum Teil nicht oder sehr kurzfristig kommuniziert, Überforderungshandlungen, die dann unwillentlich geschehen und ähnlich wie bei einer Impulskontrollstörung zu werten sind, waren immer wieder Thema, Lösungsansätze gaben aber vor allem wir Eltern und Distanzlosigkeit wird immer wieder angesprochen. Tägliche Ablaufe werden im Tagesplan (sowohl schulisch als auch zu Hause)  visualisiert, um mehr Sicherheit zu geben, es gibt enge Strukturen und enge Begleitung (durch die Lehrkräfte) und planbare Veränderungen werden nun zeitnah kommuniziert, damit es nicht zu Überforderungen kommt, in einer Überforderung gibt es begleitete Auszeiten oder Stimmingshilfen (Stimming ist eine Form der Selbstregulierung) und bei stanzlosem Verhalten wird immer wieder geäußert, dass es unerwünscht ist, damit es bei unserem Wirbelwind „ankommt“.

Das alles hat aber leider auch sehr lange gedauert und wir wurden trotz der schönen Aussagen wie wir seien Spezialisten für unser Kind in einer Hinsicht leider lange nicht ernst genommen. Denn wir sagten seit dem zweiten Halbjahr des ersten Schuljahres, dass unser Wirbelwind wegen seiner Probleme in der sozialen Interkation einen I-Helfer benötigte, er hat noch immer keinen, aber es wird nun einer beantragt…

Dabei wäre es so einfach ein Kind (in dem Fall unseres) da abzuholen wo es steht:

In Bezug auf das ruhig sitzen bleiben beim Essen, hätte mal konkret nachgefragt werden können worin da die Schwierigkeit besteht und gemeinsam nach Lösungen gesucht werden können.

Staat Anpassungsleistungen zu fordern, könnten Lösungen angeboten werden (etwa Notizen was er sagen möchte und dass er dann wartet), und einfach mal die eigene Handlung unterbrochen werden, wenn das Kind gerade Aufmerksamkeit benötigt. Im Alltag könnte nachgefragt werden warum sich das Kind so verhält, wie man helfen kann, welche Unterstützung es gibt, statt vor zu verurteilen. Und in der Schule sollte vielleicht etwas öfter auf Hinweise der Eltern gehört werden.

Positive Beispiel für ein abholen des Kindes wo es steht, möchte ich hier aber noch ein paar geben:

Als unser Junior beim Essen noch nicht ruhig sitzen bleiben konnte, immer wieder nur im vorbei laufen etwas aß, machte eine gute Freundin von mir, die ich immer mal wieder besuchte ein Spiel daraus. Unser Junior war ein kleiner LKW, der viel Ladung zu verteilen hatte und konnte so immer nur kurze Zwischenstopps machen, um wieder neue Ladung aufzuladen, wobei das Essen die Ladung war. Sie fragte immer, wenn er näher zum Tisch kam, ob der LKW wieder leer sei und neu gefüllt werden müsse und als der Teller leer war, rief sei „Feierabend“. Er fühlte sich damit ernst genommen, konnte sogar trotz dessen spielen und niemanden störte es. Als er gelernt hatte ruhig sitzen zu bleiben, war er dann selbst die Person, die den LKW befüllte.

In Bezug auf Anpassungsleistungen haben wir auch einige liebe Freunde, die diese gar nicht einfordern, sondern statt dessen dann alternative Beschäftigungen anbieten, etwa wenn eine Unterhaltung geführt wird, darf das Kind dann in der Zwischenzeit ein Buch ansehen oder bekommt etwas anderes zu spielen, was es gerne mag.

 

Bei Begegnungen mit Außenstehenden gab es aber auch einige sehr schöne Situationen. Mir wurde etwa mal gesagt, dass viele Autisten eine Vorbildfunktion für viele Nichtautisten sein sollten, weil sie eine enorm hohe Merkfähigkeit besitzen, ehrlich, loyal und direkt sind, einen Detailblick haben und nicht um der Kommunikation willen Smalltalk betreiben, sondern nur über relevante Dinge sprechen. Eine schöner Gedanke 🙂 .

 

Generell würde ich mir wünschen, dass einfach eher mal nachgefragt wird, man bereit ist sich auf das „anders sein“ einzulassen, denn wir alle haben unsere Stärken und Schwächen, die wir ebenfalls beherzigt wissen möchten, und dass man sich vielleicht, bevor man in welcher Form auch immer handelt, mal fragt wie ginge es mir in der Situation und welche Reaktion würde ich mir wünschen. Aufklärung würde ich mir zwar auch wünschen, aber diese erreicht leider in der Regel eh „nur“ selbst Betroffene und Angehörige, wäre aber vielleicht auch gar nicht nötig, würden wir alle einfach etwas offener mit unserem Gegenüber umgehen.

S.Stolzenberg

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