Manchmal mag ich nicht mehr…

Am Samstag, 29.06.2019, wurde die Kapitänin, Carola Rackete in Italien festgenommen, weil sie sich entschieden hatte trotz des Dekrets Italiens, dass Seenotrettung durch Nichtregierungsoranisationen unter Strafe stellen kann, in Lampedusa einzulaufen, da sie keine andere Option sah, um die Flüchtlinge an Bord der Sea Watch 3 in Sicherheit zu bringen, sie außer Gefahr zu wissen.

 

Seit diesem Tag gibt es täglich Nachrichten, Kolumnen, eigene Beiträge zur Sea Watch 3 und zum Verhalten der Kapitänin, zu Ideen wie diese Situation zu lösen sei, etwa vom italienischen Staatsanwalt  Herrn Patronaggio Frau Rackete auszuweisen. So weit so verständlich und nachvollziehbar. Es ist von gesellschaftlichem Interesse wie auf das rechtlich erst mal illegale einlaufen in den italienischen Hafen reagiert wird, ob es Konsequenzen haben wird.

 

Rechtlich gibt es dazu das Übereinkommen zum Schutz des menschlichen Lebens auf See (SOLAS), das internationale Übereinkommen über Seenotrettung und das UN-Seerechtsübereinommen, die alle festlegen dass Menschen in Seenot gerettet werden müssen. Weiter festgelegt ist, dass die Geretteten an den nächstgelegenen sicheren Ort gebracht werden müssen, an dem das Leben der Überlebenden nicht mehr weiter in Gefahr ist und an dem ihre menschlichen Grundbedürfnisse (wie zum Beispiel Nahrung, Unterkunft und medizinische Bedürfnisse) gedeckt werden können.

 

In wie weit die Menschen an Bord der Sea Watch 3 nun in Seenot geraten waren, ob die EU-weiten und internationalen Richtlinien und Übereinkommen zur Seenotrettung nun Anwendung fanden und ob die Nichteinhaltung des italienischen Dekrets zu ahnden sind oder nicht, werden Laien in Hinblick auf das Seerecht nicht bewerten können (ich habe natürlich eine Meinung dazu, aber rechtlich kann ich diese nicht sicher untermauern), aber letztlich ist es auch ein Diskurs über Menschlichkeit beziehungsweise deren Fehlen.

 

Es macht mich betroffen, sprachlos, traurig, wütend und fassungslos, wenn ich unter den diversen Berichten zu Seenotrettungen (und das schon vor der aktuellen Festnahme der Kapitänin der Sea Watch 3) lesen muss NGOs wären Schlepperbanden, Italien mache alles richtig, man solle nicht so naiv und weltfremd sein alle Flüchtlinge aufnehmen zu wollen, das Retten von Geflüchteten bewirke nur, dass noch mehr Flüchtlinge kämen, man solle diese Menschen besser absaufen lassen und Seenotretter würden weggesperrt gehören. Man muss natürlich auch klar festhalten, dass das Drängen auf die Einhaltung der Dublinregelung sicherlich dazu beigetragen hat, dass Länder wie Italien und Malta ihre Häfen schließen und keine Flüchtlinge mehr aufnehmen. Man muss aber auch erkennen, dass sich auch in der Flüchtlingsfrage oder wie damit umzugehen sei, der deutliche Rechtsruck in der EU erkennbar ist, dass man sich keinerlei Gedanken mehr über „fremde Menschen“ macht. Es werden Ängste vor Überfremdung geschürt, vor gewaltbereiten, frauenfeindlichen, homophoben Menschen, die hier hin kommen würden, es werden Existenzängste angesprochen und Forderungen wie diese Menschen absaufen zu lassen oder sie nach Libyen zurück zu schicken, wo sie inhaftiert, gefoltert oder dem Menschenhandel ausgeliefert, scheinen keinen Aufschrei mehr nach sich zu ziehen. Es scheint als seien solche Forderungen nicht unmenschlich, als seien sie gesellschaftlich toleriert.

 

Ich bin natürlich jedem, der sich solchen Forderungen entgegen stellt dankbar, aber ich muss auch gestehen, dass ich dafür keine Kraft habe, dass ich es an manchen Tagen nicht mal über mich bringe diese Kommentare zu lesen – es kostet zu viel Kraft.

 

Wir werden dieses Jahr auch in Urlaub fahren und zwar ans Meer, aber ich muss gestehen, dass ich froh bin an die Nordsee zu fahren und nicht ans Mittelmeer, es hätte einen sehr beklemmenden „Beigeschmack“ dort Urlaub zu machen, wo andere sterben!

 

Ich habe das Meer immer geliebt und damit Freiheit, Leichtigkeit, Frieden, Grenzenlosigkeit verbunden und ich liebe das Meer noch immer. Ich freue mich auch sehr darauf den Sand unter den Füßen zu spüren und (hoffentlich bei gutem Wetter) auch mit den Füßen ins Wasser gehen zu können.

 

Mittlerweile verbinde ich mich dem Meer – insbesondere dem Mittelmeer – aber auch Begriffe wie Tod, Unmenschlichkeit, Hass, Intoleranz, Ausgrenzung und es macht mich traurig, dass politisch Verantwortliche wie Matteo Salvini solche Zusammenhänge geschaffen haben.

 

Flüchtlinge im Mittelmeer
von Kostas Koufogiorgos Bildquelle: https://de.toonpool.com/user/65/files/fluechtlinge_im_mittelmeer_3178279.jpg

Es hat mich heute übrigens sehr gefreut zu lesen, dass Kapitänin Carola Rackete wieder frei ist.

© S. Stolzenberg

 

 

Published in: on 3. Juli 2019 at 00:43  Kommentar verfassen  

The URI to TrackBack this entry is: https://sabrinastolzenberg.wordpress.com/2019/07/03/manchmal-mag-ich-nicht-mehr/trackback/

RSS feed for comments on this post.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

autimom82

Autismus, Kaffee und der ganz normale wahnsinn

saschastracks.de

Die offizielle Website von Sascha Stracks

sophiesanderswelt

Mutter sein und Frau bleiben mit behindertem Kind

Herzensangelegenheit.

Eine Mutter liebt am stärksten ihr schwächstes Kind (schwedisches Sprichwort)

Diaphanoskopie

Ich bin umgezogen

wheelymum

Eltern mit Behinderung und chronischer Krankheit meets Familienleben

maria ante portas

Inklusionsblog

kiki blacks blog

Mein Leben, mein Chaos, meine Familie und ich

Leben mit Autismus & einem halben Herzen

Wir müssen bereit sein, uns von dem Leben zu lösen, das wir geplant haben, damit wir das Leben finden, das auf uns wartet. (Oscar Wilde)

Hochsensibel und Multipassioniert

Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann rufe nicht die Menschen zusammen, um Holz zu sammeln, Aufgaben zu verteilen und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem großen, weiten Meer. Antoine de Saint-Exupéry

Autland Nürnberg

von und für Autisten

Andersfamilie

Huch, ich dachte immer DIE wären anders

dasfotobus

gedankenparkplatz || Mensch mit Meer

Blogger ASpekte

Menschen im Autismus-Spektrum haben sich zusammengeschlossen, um aus ihrer Sicht die Welt zu beschreiben. Alle Bloginhalte von "Blogger ASpekte" sind urheberrechtlich geschützt und dürfen ohne schriftliche Genehmigung der jeweiligen Autoren nicht kopiert und veröffentlicht werden.

Gedankencocktails

Eine Autistin zwischen den Welten

melli´s kleines nähkästchen

wilkommen in meiner Sicht der Dinge

autzeit

Irgendwo im Universum bin ich falsch abgebogen.

Charly's Welt

oder wie ich sie sehe ...

butterblumenland

Familienleben mit Autismus

NaLos_MehrBlick

Inklusion | Vielfalt | Menschen

Quergedachtes | Ein Blog über Autismus

Autismus aus Sicht eines Autisten

Ein Blog von Vielen

ein Ziel - viele Kämpfe_r_innen

Gedankenkarrussel

Ein Blog über mein Leben mit Autismus und Dauermüdigkeit

Erdlingskunde

Das seltsame Verhalten neurotypischer Menschen, versuchsweise beschrieben von einem Neurotypischen.

DenkenderTraum

Autismus, Aspie, Ich

innerwelt

Ich bin Asperger Autistin und hier sollen meine Gedanken Platz finden.

altonabloggt

Themen rund um und aus Altona und Hamburg

früher war ich falsch...

...heute bin ich anders...

Ich bin Autistin - Asperger-Syndrom bei Frauen

Autismus aus der Sicht einer Betroffenen

Fotowelt mit Herz Ute S.

Ich trage meine gefrohrenen Tränen tief eingeschlossen in meiner Seele. ----------------~-------------- Seele in Feuer getaucht, Herz im Eis erfroren, Geist in der Ewigkeit verloren. ~~~~-------------------------------- Körper Zerschlagen, Zerschnitten das Leben©Ute Schnee©

%d Bloggern gefällt das: