Inklusion und ihre Grenzen

Bewegt hat mich zu diesem Beitrag ein Beitrag, den ich las und der mich zum nachdenken brachte, aber auch die Reaktionen, die er hervorbrachte.

Auf Grund des Beitrags, auf den ich hier aber nicht weiter eingehen werde, habe ich mir Gedanken gemacht in wie weit ich für unseren Sohn Inklusion fordern kann und wo deren Grenzen liegen.

Er benötigt aktuell noch etwas Hilfe, viel Anleitung, wird aber immer selbstständiger, möchte immer mehr alleine versuchen, rückversichert sich aber auch immer noch, dass seine Bezugspersonen – wir als Eltern, der familientlastenden Dienst, die Großeltern,.. da sind.

Er kennt die Regeln des Straßenverkehrs und beherzigt diese, bringt sich (noch?) nicht in Gefahrensituationen, hat auch vor potenziellen Gefahren (auf einen Baum zu klettern als Beispiel) Angst, eine gute Orientierung.

Ich möchte gerne, dass er zunehmend selbstständiger, selbstsicherer wird, sich mehr zutraut und auch mal versucht alleine raus zu gehen, motiviere ihn darin, dass er das, sobald er sich dazu bereit fühlt, gerne mal versuchen darf und soll.

Wie jedes andere Kind wird unser Wildfang allerdings sicher auch mal Blödsinn anstellen, Dinge ausprobieren, Grenzen testen und sich vielleicht auch auf die ein oder andere Mutprobe einlassen,  aber gerade im Hinblick darauf stelle ich mir ein paar Fragen.

Ich frage mich wo dann die Aufsichtspflicht noch greifen muss und wo diese ihre Grenzen hat – besonders, wenn er mal Grenzen testet, die sich vielleicht auf andere Menschen auswirken, etwa wenn er mal zündeln sollte und dadurch vielleicht Besitztümer anderer zerstört werden sollte (von schlimmerem mag ich gar nicht ausgehen, kann ich aber auch nicht, da unser Süßer zu emphatisch ist, als dass auch nur das kleinste Risiko bestünde, dass er andere Menschen in Gefahr bringen würde). Muss ich mich dann vielleicht rechtfertigen, dass ich ihm die Möglichkeit gegeben habe, obwohl er eine Behinderung hat oder darf ich für seine persönlichen Entfaltungsmöglichkeiten, sein Recht auf Freiraum einstehen und diese trotz seiner Behinderung verteidigen? Muss ich vielleicht auch rechtlich etwas besonders beachten, weil er entwicklungsverzögert (und laut Diagnoseschreiben auch geistig behindert) ist? Wie findet man da den richtigen Mittelweg oder kann es diesen nicht geben? Kann ich nur eine überbehütende Helikoptermutter sein oder die Rabenmutter, die zu sehr interessiert oder kann ich einfach auch eine Mutter sein, die ihrem Kind Freiheiten einräumt, sich dennoch kümmert, sorgt und Regeln aufstellt, ihrem Kind aber die Möglichkeit gibt seine Grenzen zu erkennen und aus Fehlern zu lernen?

Ich frage mich wie viel Inklusion kann ich von meine Mitmenschen für unseren Wirbelwind fordern, wann ist es zu viel? Denn: er lernt zwar immer sicherer sich seine Grenzen einzugestehen, zu erkennen, wenn er zu vielen Reizen ausgesetzt ist und er eine Pause benötigt, aber das klappt mal besser, mal schlechter und wenn er überreizt oder übermüdet ist, passiert es auch schon mal , dass er albern wird, anderen Mitmenschen die Zunge heraus streckt, Schimpfworte benutzt. Was ist, wenn er das vielleicht auch wieder macht, wenn er mal alleine unterwegs ist? Darf ich dann Verständnis im Sinne des Inklusionsgedanken wünschen oder muss ich ihn dann wieder in seinem persönlichen Freiraum beschränken, bis er das nicht mehr tut und was ist, wenn er es nie gänzlich schafft das zu unterlassen, darf er sich dann nie im Sinne einer Selstständigkeitsförderung weiter entwickeln? Wo hat der Inklusionsgedanke bei der persönlichen Entfaltung eines Kindes sein Grenzen?

Ich frage mich auch wie ich darauf reagieren könnte, wenn unserem Sonnenschein von anderen Bezugspersonen mehr Freiheiten gegeben würden, als wir es für gut erachten würden, denn ein Kind braucht klare Grenzen was aber wenn Bezugspersonen ihm Dinge erlauben, die wir als Eltern nicht gutheißen, wo wir Grenzen ziehen würden? Bisher geschah das immer in Bezug auf Dinge, die keine potenzielle Gefährdung nach sich zogen, aber wäre wenn es mal dazu kommen würde? Ein Beispiel dazu aus meiner Kindheit: Der Vater eines anderen Mädchens in unserer Nachbarschaft war Dachdecker und hat seine Kinder häufiger mit auf Dächer genommen. Eines Tages, als meine Schwester und ich mit den Kindern spielten, nahm er aber auch uns (ohne vorab meine Mutter zu fragen) mit auf eins der Dächer in der Nachbarschaft, gab uns damit eine Freiheit, wo meine Eltern eine Grenze gezogen hätten. Natürlich muss es dann umgehend ein Gespräch geben (und das gab es auch), aber nehmen wir mal an der Nachbar hätte diese Grenze nicht für uns ziehen wollen, den Kontakt hätte man nicht gänzlich unterbinden können, weil wir nichtmehr ununterbrochen beaufsichtigt werden mussten. Man muss dann natürlich darauf vertrauen, dass die Kinder die gegeben Grenzen einhalten, aber wie kann ich reagieren wenn in einer solchen Situation das Kind die Grenze vergisst, sich also im Vertrauen auf diese Bezugsperson in eine Gefährdung begibt?

Man sagt „es benötigt ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen“ (afrikanisches Sprichwort) und das sehe ich ebenso, denn Eltern benötigen ein gutes Netzwerk, um das Kind großziehen zu können, um mal einen anderen Blickpunkt zu erhalten, manches vielleicht auch zu hinterfragen, aber auch für soziale Kontakte für das Kind, für neue Erfahrungen und für das Selbstwertgefühl des Kindes.  Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass es vielen Menschen schwer fällt fremde Kinder zu ermahnen, wenn sie eine Grenze überschritten haben. Wie kann ich dann aber darauf vertrauen, dass unserem Schatz nicht vielleicht sogar gegensätzliche Werte vermittelt werden? Wie kann ich ihm Grenzen vermitteln, die vielleicht bei anderen noch Freiheiten sind?

Ich frage mich auch in wie weit ich Kritik von außen überhaupt zulassen sollte, oder ob ich mir vielleicht zu viele Gedanken mache… und damit schließe ich diesen Beitrag ab.

 

Published in: on 11. Juli 2019 at 23:57  Comments (6)  

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6 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Danke für die Gedanken, die sich auch nun in meinem Kopf ausbreiten! Das ist echt eine interessante Frage!
    Ich habe auf deinen ausführlichen Beitrag echt keine Antwort – außer vielleicht „vertraue auf dein Bauchgefühl“, denn so mache ich es seit dem Moment, als ich damals schwanger wurde.
    Werde sicher noch länger über deine Gedanken nachdenken!
    Hab einen schönen Tag!
    Lg Steffi

    • Hallo Steffi, die Person, deren Beitrag mich zu diesem Blogbeitrag bewegt hat, hat eine sehr gute Lösung gefunden, wie ich finde: Sie hat Flyer erstellt, in denen die Besonderheiten ihres Kindes erklärt sind und in wie fern das Kind auch Grenzen von außen, von Nachbarn und Freunden, gesetzt bekommen muss und das wurde super angenommen. LG Sabrina

      • Oh das klingt total toll!! Ich glaube, dem Thema wende ich mich auch mal zu!
        Momentan ist es auch Thema, wie ich ihm selber klar mache dass er nicht so ist wie die „neurotypischen“ Kinder in seinem Umfeld und das ist echt noch Neuland bzw ich hab keinen Schimmer wie ich ihm klar machen kann, dass er ein Autist ist und was es bedeutet. 😅 aber wie heißt es so schön!? Man wächst mit seinen Aufgaben 😅❤️

      • Das stimmt. Vielleicht hilft es dir ein wenig, wie es es meinem Sohn erklärt habe, als er merkte, dass er „anders“ ist und mich danach fragte. Ich erklärte ihm, dass jeder Mensch Stärken und Schächen haben und es nicht schlimm ist Autist zu sein, sein Autismus aber eine Behinderung ist, weil er dadurch an manchen Dingen gehindert wird (St. Martin zum Beispiel, weil ihm dann alles zu laut ist). Ich erklärte, dass er durch seinen Autismus viel mehr Dinge hört, als wir Eltern (Reizfilterschwäche), er mehr Dinge sieht (Detailblick), etwa ein Spinnennetz an einem Baum, währen Papa und Mama „nur“ den Baum sehen, ihm schneller alles zu viel ist (Überreizung), er deswegen auch schneller Pausen braucht. Ich sagte aber auch, dass er dadurch nicht gut lügen kann, sehr ehrlich und direkt ist. Ich verdeutliche aber auch, dass es nicht schlimm ist, dass er behindert ist, weil viele Menschen eine Behinderung haben (ich nannte meine Brille als Beispiel). Er konnte das gut verstehen. Für jüngere Kinder oder Kinder, die einfachere Erklärungen benötigen, finde ich den Ansatz eines anderen Betriebssystems oder dem Vergleich mit Automarken ganz gut: Die meisten Menschen nutzen dabei Windows bzw fahren Fiat (oder welche Automarke ihr habt) und Autisten nutzen Linux bzw fahren dann BMW. Du kannst auch zur Erklärung die Löffeltheorie (eigentlich bezogen auf Lupus, aber übertragbar) nutzen, die besagt, dass man täglich eine feste Anzahl Löffel besitzt und diese werden für jede Handlung als Währung genutzt. Einfache Dinge, die nicht anstrengen kosten wenige Löffel (1), schwierige Aufgaben mit etwas Streß kosten etwas mehr Löffel (2) und ganz anstrengende Dinge (etwa Karneval, St. Martin,…) kosten viele Löffel (3). Wenn die Löffel fast aufgebraucht sind, droht die Überreizung, sind die Löffel leer und es kann keine Erholung folgen, tritt ein Meltdown (unkontrollierter Wutanfall) oder der Shutdown (völliger Rückzug in sich selbst, herunterfahren) ein. Wenn du dich dazu gerne weiter austauschen möchtest und einen Facebookaccount hast, kannst du mich auch da gerne anschreiben unter Sabrina Stolzenberg (ich hab aktuell eine fliegende Möwe als Profilbild). LG Sabrina

      • Ich glaub wir sind sogar befreundet ❤️ Stefanie Lüttgens heiße ich da und ich finde deine Erklärung hier gerade echt mega-gut!!! 😍👍🏻👍🏻👍🏻

      • Das freut mich 🙂


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